Untergang eines funktionierenden System

Einnahmedefizite, doppelte Preiserhöhung, fehlende Trainer, weniger Teilnehmer

 

Das erfolgreiche Kurssystem der Berliner Bäder Betriebe wurde binnen eines Jahres zum Desaster

 

Die Kleine Anfrage von Dr. Gabriele Hiller, Partei Die Linke, zeigte Antworten, die auch meine Berechnungen übertroffen hatten.

Mehr als 4500 Kursstunden sind ausgefallen.

 

Unter den Begriff Kurse fallen Schwimmkurse aller Art und Aqua Fitness Kurse. Letztere beleuchte ich bald in einem anderen Beitrag. Hier geht es, anhand eines Beispiels, um Schwimmkurse für Erwachsene, weil ich nicht überall gleichzeitig recherchieren kann, am Beispiel der Kurse in einer Schwimmhalle.

Die Recherche wurde möglich durch Teilnehmer, die mir ihre Informationen anonym zur Verfügung stellen. Dafür bedanke ich mich.

 

Diese Informationen tragen dazu bei, dass ich ungefähr ausrechnen kann, wie hoch die Einnahmedefizite in nur einer Schwimmhalle sind. Die Zahlen sind erschreckend, auch wenn sie natürlich nicht auf den Euro genau stimmen können, zeigen sie die Tendenz. Ebenso ist die Zahl der Teilnehmer möglicherweise nicht ganz genau gezählt. Ich habe aus den mir vorliegenden Informationen  die Teilnehmer zusammen gerechnet.

Mir ist bekannt, dass aus 60 Minuten 45 Minuten Kurse wurden. Ebenso ist mir bekannt, dass Kurse nur noch in 10 er Paketen angeboten und vorfinanziert werden müssen von Teilnehmern.

Diese Praxis ist zum Beispiel dann fragwürdig, wenn jemand richtig Delphin oder einen anderen Schwimmstil erlernen möchte.

Schwimmleher haben das bereits 2015, als das neue System eingeführt wurde, kritisiert, wie in der Morgenpost zu lesen war. Außerdem ist klar, das Arbeitsleben erlaubt fast niemanden mehr eine durchgehende Teilnahme, Schichtdienste führen dazu, dass, schätzungsweise bis zu 3 Termine verfallen in solchen 10 er Paketen.

Zuerst gab es also eine Preiserhöhung von im Schnitt 7,50 Euro auf 9,50 Euro pro Kursstunde. Dann die Absenkung der Zeitdauer auf 45 Minuten zum Preis von 9,50 Euro. Gekauft werden muss, an der Kasse des jeweiligen Bades für 95 Euro das Paket.

Das bedeutet, man muss bei beliebten Kursen morgens um spätestens 6 Uhr am Bad sein, wenn es um 6.30 Uhr öffnet. Wenn man Glück hat, ergattert man so ein Paket. Eine Probestunde ist nicht drin, man kauft ungesehen.

 

Es existiert neuerdings, so ergibt die Zählung aus den mir vorliegenden Informationen, offensichtliche eine Teilnehmerbegrenzung von 10 Personen. 

10 Erwachsene, in diesem Fall, auf 2 bis 3 Schwimmbahnen. Mir erschließt sich der Grund nicht für diese Begrenzung. Sinn macht diese Art der Einschränkung zum Beispiel bei Kinder Schwimmkursen oder bei Kursen für erwachsene Nichtschwimmer.

Eine Bahnenauslastung ist damit doch ad absurdum geführt.

Ich habe ja im Sommer in vielen Bädern gezählt, wie viel Personal auf wie viel Gäste in Schwimmbecken kommt. Es kann also auch keine Sicherheitsfrage sein, die zu dieser Begrenzung führt. Das wäre ja sonst schon kriminell zu nennen, wenn bei einem Schwimmlehrer nur 10 erwachsene, geübte Schwimmer, die ihre Technik verbessern oder einen neuen Schwimmstil von Grund auf lernen wollen, teilnehmen dürfen und in Freibädern das Zehnfache, oft ungeübte und Kinder, auf einen ausgebildeten Rettungsschwimmer zulässig ist.

 

Den Grund der Begrenzung kann ich also nicht nennen, nur dass die Begrenzung existiert. 

Meine Hochrechnung ergibt sich aus Kursen, an verschiedenen Tagen. 

Ich berücksichtige dabei 4 Zeiträume. Das meint die Wochen, in denen jeweils neue Kurse stattfinden. Der Einfachheit halber nenne ich diese Zeiträume nach den Jahreszeiten.

Die Kurse im Frühjahr 2016 liefen noch 60 Minuten je Kursstunde.

Man erkennt deutlich die sinkende Teilnehmerzahl. Zur Erinnerung: die Begrenzung auf 10 Teilnehmer existiert seit 2015.

Da werden völlig falsche Anfangszeiten auf der Homepage angegeben, Kurse fallen (in anderen) Schwimmhallen komplett aus oder einzelne Termine.

 

Mir ist schleierhaft, warum die Person, die knapp 20 Jahre für das Kurssystem verantwortlich war, gekündigt wurde. 

Mich würde mal interessieren, ob diese Kündigung vor dem Arbeitsgericht stand hielt oder ob, so wie in Fällen vorher und nachher, die Berliner Bäder Betriebe Gehälter nachzahlen mussten und sogar Abfindungen. Der letzte Fall solch einer Kündigung durch Frau Siering ist hier nach zu lesen. 

Das Desaster bei der Einstellung neuer Trainer ist bekannt. Erst auf Honorarbasis gesucht, dann festgestellt, dass die Verträge nicht mit den Arbeitnehmervertretungen abgesprochen waren (wie übrigens auch im Fall der 5 eingestellten Bädermanager, die neu ausgeschrieben wurden im Sommer 2016). Ergebnis sind die mehr als 4500 ausgefallenen Kursstunden (Schwimmkurse und Aqua Fitness Kurse). Noch im Januar, als bereits mehr als 40 komplette Kurse a 10 Termine ausgefallen waren seit Saisonbeginn im September 2015, war Frau Siering der Meinung, nach holprigem Beginn, läuft es jetzt, hier nachlesen.

Nichts läuft rund. Immer wieder fallen Kurse aus, ob einzelne Stunden oder komplette Kurse. Letzter Fall ist eine Verschiebung des Kursbeginn um eine Woche in der Schwimmhalle Ernst Thälmann Park aus "betriebsbedingten" Gründen. Planungen der Teilnehmer wie zum Beispiel Urlaub, Weihnachten, das alles interessiert dabei nicht.

Nachtrag 19.12.2016: Heute wurde der Beginn Schwimmkurse in der Schwimmhalle Ernst Thälmann Park erneut verschoben, dieses Mal um 2 Wochen. Kunden stehen morgens Schlange, zahlen fast 100 Euro, um einen Kurs zu buchen. Planungen die Kunden machen, um zum Beispiel ihre Kinder zu den Kursen zu begleiten, Urlaube, das alles ist genauso unwichtig wie die Planungen der Schwimmer, wenn siewieder mal vor geschlossen Hallen stehen.

 

 

Das System hat vorher funktioniert, sogar dann, wenn Trainer krank wurde, gab es fast immer Ersatz. Erst seit mit dem Ausbau der Kurse begonnen wurde, vom wem eigentlich, ist das Chaos ausgebrochen. Mir jedenfalls kommt es so vor, als wäre nach der Entlassung der Person, die vorher ein funktionierendes System installiert hat, diese Position unbesetzt und wird jetzt von irgendjemandem mit abgedeckt.

 

Mich interessiert außerdem, welche Rolle dabei die kleine Schwimmschule (Firmenform UG, was in etwa einer Limited entspricht im Bezug auf Haftung etc) spielt. Trainer, die sich auf eine Stelle, die von den Berliner Bäder Betrieben auf deren Homepage ausgeschrieben ist, werden nach meinen Informationen von der mir namentlich bekannten Schwimmschule beschäftigt. Ich gehe davon aus, dass es völlig legal ist, in kleinen Firmen Trainer zu beschäftigen, die für den "Größten Bäder Betrieb Europas"  auf kommunaler Wasserfläche zur Daseinsvorsorge  nutzen.

So wie es auch legal ist, dass Meerjungfrau Kurse bei der GmbH aus Leipzig gebucht werden, die dann kommunale Wasserfläche mietet. Ich schrieb bereits, dass ich  persönlich mitbekommen habe, dass zum Beispiel auch für 1 (ein) Kind und einmal für 3 Kinder eine ganze Schwimmhalle geöffnet wurde, die der Öffentlichkeit verschlossen war an dem Tag.

Ich gehe davon aus, dass es völlig legal ist, Trainern einen deutlich niedrigeren Stundenlohn anzubieten, die direkt bei den Berliner Bäder Betrieben beschäftigt sein wollen.

Und ich gehe davon aus, dass Transparenz dazu beitragen kann, das neue System zu verstehen.

 

Bei mir bleiben Fragen

Warum wird ein funktionierendes System derart ins Chaos gestürzt? Liegt es daran, dass dann die Bilanz, vorläufige Einsparung eines (wahrscheinlich nicht niedrigen Gehalts), positiv ausfällt. 

Daraus resultiert für mich die Frage, warum seit dem Zeitpunkt des Ausscheidens des Vorstandsvorsitzenden Ole Bested Hensing, das Chaos sich zugespitzt hat in den Berliner Bäder Betrieben. Wie, unter anderem, in der Morgenpost zu lesen war, ist der letzte gekündigte Mitarbeiter nicht der erste aus der zweiten Führungsebene.

Seit bekannt werden des Ausscheidens Hensings wurde ein neuer Bäderchef gesucht. Wer also hat Vorteile davon, eine 'positive' Bilanz vorzulegen? Oder, wer hat geglaubt, dass daraus Vorteile entstehen könnten?

Keine Frage, eine positive Bilanz ist erstrebenswert. Es ist aber eine Milchmädchenrechnung, Mitarbeiter zu entlassen, die dann vor dem Arbeitsgericht gewinnnen oder einen Vergleich erzielen aus dem sich Nachzahlungen, in Form von Gehältern und Abfindungen,  ergeben. Man zahlt ja nicht nur Gelder nach, sondern die Arbeit muss in der Zeit von jemand anderem auch gemacht und somit bezahlt werden.

Und genau da stellt sich die oben gestellte Frage: wurde überhaupt für das Kurssystem jemand neu eingestellt? Oder läuft das jetzt nach dem Motto, X oder Y können das nebenbei erledigen?

 

Gastbeitrag Erfahrungsbericht:  Als Trainer bei Berliner Bäder Betrieben

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Kommentare: 2
  • #1

    icke (Montag, 19 Dezember 2016 17:53)

    Die Schwimmkurse im Ernst-Thälmann-Park fallen aus, weil der Schwimmlehrer erkrankt ist und es kein ersatz dafür gibt.

  • #2

    schwimm-blog-berlin (Montag, 19 Dezember 2016 18:26)

    Hallo icke

    und genau daran krankt das System. Es gibt nicht genügend Schwimmlehrer. Früher wurde fast immer Ersatz organisiert.

    Lg
    schwimm-blog-berlin