Die Angst der Tempelhofer vor den Pfeifen aus Berlin

oder:

Tempelhof als Feierzentrale der Berliner

 

Ich betreibe neben dem Schwimmen noch ein zweites, zeitintensives Hobby, die Ahnenforschung.

Ich habe Familiengeheimnisse, schöne und schreckliche, aufgedeckt, Vorfahren von denen niemand ahnte und Nachfahren gefunden, die noch sehr lebendig sind.

Heute weiß ich gar nicht mehr wie genau, aber irgendwann habe ich die Geschichte des Seebad Mariendorf entdeckt und mein Forschungsgeist war angefacht. Meine beiden liebsten Hobbys quasi in einem.

Bei den Recherchen

ist es, zumindest für mich, nicht einfach, immer auf Linie zu bleiben. Das ist auch gar nicht mein Anspruch. Vom Hölzchen aufs Stöckchen in Archiven zu stöbern, mich ablenken lassen von weiteren, spannenden Geschichten, das hatte mich ja zum Seebad gebracht.

 

Ich recherchiere nebenbei auch die Geschichte und Geschichten aus Mariendorf und Tempelhof. Wobei, nebenbei ist das wohl eher nicht mehr. Mittlerweile suche ich gezielt und finde immer wieder tolle Geschichten. Vielleicht interessiert das ja den einen oder die andere auch.

Auf die Spur dieser  Geschichte hatten mich Recherchen zu Adolf Lewissohns Zeitgenossen gebracht.

Ich hatte ja schon viel zu tun mit Archiven, meist sehr nette Kontakte mit den jeweiligen Mitarbeitern. Allerdings braucht es oft viel Geduld, bis man eine Antwort bekommt. (Kleiner Seitenhieb: ein großes bekanntes Archiv antwortet erst gar nicht und kommt dann mit einer Kostennote um die Ecke ohne auf entsprechende Vorab Anfragen dahingehend zu reagieren)-

Die Antwort von Herrn Mietk, Archiv Kreis Dahme Spreewald, allerdings kam buchstäblich über Nacht. Keine 12 Stunden nach meiner Anfrage hatte er mir mitsamt einer Antwort die gewünschten Dokumente per E Mail geschickt. 

 

Wie einigen ja bekannt ist aus den Beiträgen zum Seebad Mariendorf und der Familie Lewissohn, war Adolf Lewissohn das, was man heute rechte Hand des Bürgermeisters nennt. Friedrich Mussehl war der erste nicht mehr nur ehrenamtliche Bürgermeister in Tempelhof. Über ihn ist mir noch nicht viel bekannt. Mir fehlt noch ein Bild von ihm. Wenn da also jemand noch Hinweise hat, immer her damit.

Adolf Lewissohn und Friedrich Mussehl hat ein freundschaftliches Verhältnis verbunden und es ist davon auszugehen, dass  Lewissohn auch den später bekannten Sohn Mussehls, Fritz, gekannt haben wird.

Dieser Fritz war, bevor er unter den Nationalsozialisten Vizepräsident des Reichsrechnungshofes war, Gerichtsreferendar.

Mit ihm hat die folgende Anekdote aber nur insofern zu tun, als dass sie unter seinem Namen im Teltower Kreisblatt 1910 veröffentlicht wurde.

 

Was Teltow damit zu tun hat? Mariendorf wurde erst 1920 zum damaligen Groß Berlin eingemeindet und ein Teil von Tempelhof.

 

Flashmob um die Jahrhundertwende 1800

 

Tempelhof war damals ein beschauliches Dorf, dessen Zentrum die Kirche(siehe Bild unten), die heute noch im Alten Park (wieder aufgebaut nach dem Krieg) zu besichtigen ist.

Glaubt man heute, Flashmobs wurden mit Facebook erfunden oder durch Whats App oder SMS Verbreitungsmöglichkeiten ermöglicht, so belehren uns alte Archivblätter eines besseren.

Wer glaubt, Partycrasher gibt es es seit der Neuzeit, der irrt.

 

Tempelhof als Vergnügungsdorf der Berliner. Wer kann sich das heute in unserem an Clubs doch eher armen Stadtteil vorstellen?

Und doch, und mitten in der Woche. Zur Work out Party kamen hunderte und überfielen das beschauliche Dorf regelrecht und versetzte deren Bewohner in Angst und Schrecken.

Die ersten, beworbenen Ausflugsziele in Zeitungen sind erst viel später zu finden, aber es gab Lokale, mit Musik und Bier und das nutzten Berliner ausgiebig.

Es hatte sich, besonders unter Arbeitern, Dienstmädchen und "anderen Berlinern dieses Kalibers" herum gesprochen, dass man hier gut feiern konnte. Und die Pfeifen rauchen lassen.

Pfeifen mit Tabak gefüllt waren damals, wie das rauchen auf offener Strasse, verboten. 

Es gab dazu einen Erlass und die Strafen waren nicht festgelegt, sondern waren denen überlassen, die sie aussprachen. Drastische Strafen und dabei war nicht die Gefahren für die Gesundheit der Grund, sondern die reale Brandgefahr.

In Tempelhof rotteten sich Hunderte zusammen, frönten dem Alkohol und lagen betrunken in Nachbars Garten und auf den Äckern. Lärmbelästigungen störten die Nachtruhe der Bauern, deren Erträge die Berliner ernährten.

Die Menschen in Tempelhof hatten Angst vor diesem Mob, wie aus einem Schreiben, das Aktenkundig wurde, hervor geht. Man bat um Unterstützung, dieser Heerscharen von feierwütigen Pfeifen und Trunkenbolden Herr zu werden. Aber, lest selbst. 

 

Ich bedanke mich bei Herrn Mietk, Archiv Landkreis Dahme Spreewald, für die Kostenfreie Zusendung und vor allem für den netten Kontakt und die Blitzbearbeitung meiner Anfrage.

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