Zwei Mädchen beim Kaffee am Seebad Mariendorf

"Unter dem Zaun durch, an den ekligen Karpfen vorbei"

weiß die Zeitzeugin, Frau G.,  zu erzählen.

Lebendig, als wäre es vorgestern gewesen, berichtet die geborene Mariendorferin von ihren Abenteuern mit ihrer Freundin Traudel.

Traudel, die eigentlich Waltraud heißt,  war die Tochter des Hausmeisters im Seebad der 1940 er Jahre und lebte im ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Bads. Das von Postkarten bekannte Haus war Treffpunkt der jungen Mädchen in in ihrer Jugend und beinahe täglich trafen sie sich in den Sommern dieser Zeit dort am Seebad.

Zu Fuß ging Frau G., die damals in der Machonstraße wohnte mit ihren Eltern, zum Seebad. Schwimmen war nicht so ihre Welt "Ich war keine Wasserratte" erzählt sie. "Schwimmen gelernt habe ich im eiskalten Wasser im Seebad. Das hatte nur 17 Grad" 

 

Üblich war es damals nicht, dass Menschen schwimmen lernten. Ich fragte sie, ob es daran lag, dass ihre Freundin direkt am Seebad wohnte? "Nein, es lag wohl daran, dass in meiner Schulklasse viele schwimmen lernten und da wollte man dabei sein".

Frau G. erzählt: "Noch heute läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, wie wir manchmal, um den Eintritt zu sparen, unter dem Zaun im Karpfenteich durchtauchten, um ins Schwimmbecken zu gelangen. Das war richtig schaurig. Schmutzig und man konnte nichts sehen."

Trotz niedriger und sozialer Eintrittspreise konnte sich nunmal nicht jeder den Besuch im Schwimmbad leisten.

Frau G. zeigt auf dem Foto, auf dem das von Salomon Lewissohn erbaute Haus, dass ab 1872 als Wohnhaus diente für die Familie Lewissohn, noch bevor die Badeanstalt 1876 eröffnet wurde, genau, wo die Wohnung der Hausmeister Familie war.

Sie erinnert sich sogar, dass nach dem Krieg die Famlie weiter nach vorn umziehen mußte.

 

 

In der damaligen Zeit war man mit dem Überleben beschäftigt, und Frau G. war ein junges Mädchen. Sie konnte natürlich nicht wissen, wo sie, zum Glück, wenigstens einen Teil ihrer Jugend so unbeschwert verbringen konnte.

Die  Wohnung müsste nach Recherchen die Wohnung gewesen sein, in der Helene Lewissohn lebte nachdem sie von den Nationalsozialisten bereits teilenteignet war.

Helene Lewissohn lebte noch eine Zeit ab 1934 im oberen Teil des Hauses. Später wurde sie gezwungen in die Pförtnerwohnung umzuziehen.

Das dürfte die Wohnung des Hausmeisters in den Kriegsjahren gewesen sein. Helene beschreibt in ihrem Brief im Wiedergutmachungsverfahren diesen 'Umzug'. 

Frau G. erzählte mir,  dass ihre Geburtsurkunde, wie die fast aller, am 23.08.1943, also in wenigen Tagen vor 73 Jahren bei einem Bombenangriff auf das damalige Mariendorfer Rathaus verbrannt ist. Sie erinnert sich so genau an dieses Ereignis, weil sie grade unterwegs war.

 

Die Dame erzählt von der Zeit ohne Bitterkeit, sachlich und ist mit ihrem unglaublichem Gedächtnis quasi ein Lexikon für die Geschehnisse in Mariendorf.

Frau G. schaute sich die von mir mitgebrachten Fotos an und auf einem Foto, dass viele Personen bei einer Veranstaltung 1915 im Seebad zeigt, sagte sie: " Einige meine ich zu kennen. Aber die waren irgendwie älter."

Ich hatte ihr noch nicht gesagt, wann die Aufnahme gemacht wurde.

So hatte sie natürlich recht. Als sie die Menschen, die ich ihr auf dem Foto zeigte, traf, waren sie etwa 25 Jahre älter. Sie tippte auf einen jungen Mann, eher einen Jugendlichen und sagte: "Das ist doch der Kurt Gebauer. Der war Brotbäcker und ich wollte ja Säuglingsschwester werden. Aber ich war noch zu jung und musste deshalb ein Hauswirtschaftsjahr machen. Da war ich bei Hanna und Kurt Gebauer in der Brotbäckerei. Manchmal habe ich mit geholfen, beim Brot ausfahren.

Frau G. erzählt:" Wir durften auf keinen Fall in andere Räume des Hauses. Das war verboten. Ich weiß nicht warum, nur dass uns das immer wieder gesagt wurde" und weiter: "Da, auf dem Foto, da war unter uns so etwas wie eine Garage oder ähnliches. Das weiß ich nicht. Jedenfalls war darunter etwas."

Der schöne Nachmittag mit der heute 86 jährigen Dame brachte so ganz nebenbei noch mehr für mich interessante Informationen.

Frau G. und ich unterhielten uns über unseren Ortsteil. Sie wohnt nur wenige Häuser von mir entfernt und kennt natürlich Mariendorf wie kaum eine zweite.

 Ihre Mutter war Gärtnerin im Volkspark Mariendorf und ihr Mann war der Gartenarchitekt im Sommerbad Mariendorf als es in den 1950 er Jahren gebaut wurde. Einer ihrer Söhne kann möglicherweise sogar dazu etwas sagen, ob die Bäume, die heute auf dem ehemaligen Gelände des Seebad Mariendorf stehen, tatsächlich die sind, die der Gründer, Adolf Lewissohn gepflanzt hatte.

 

Frau G. sagte mir:  "Als ich den Artikel in der Berliner Woche gesehen habe, dachte ich, endlich. Endlich kümmert sich mal jemand um das Seebad und die vergessenen Geschichten hier."

Das hat mich natürlich wahnsinnig gefreut. Ohne Frau G. und die anderen Zeitzeugen allerdings wäre eine möglichst lebendige Darstellung der Zeit nicht denkbar.

Ich freue mich jetzt schon auf unser nächstes Treffen.

Spannende Nachbarn habe ich.

Nach meinen (späteren) Recherchen lebte die Familie Gebauer vermutlich in der damaligen Gersdorfstraße 39 in Mariendorf

Frau G. und Traudel haben sich später aus den Augen verloren. Wie das Leben eben manchmal so ist. Die Schule ist zu Ende, Ausbildung, Familie, diee Wege trennen sich. Was aus ihrer ehemals besten Freundin wurde, weiß Frau G. nicht.

Ich suche jetzt die ehemalige Freundin meiner Zeitzeugin, Waltraud Wendt oder deren Nachfahren.  Ebenso suche ich Nachfahren der Familie Gebauer, der Brotbäcker Familie.

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