Das Rollstuhlzeichen für Berliner Bäder- Praxistest

Für einige der Berliner Bäder ist das Zeichen für RollstuhlfahrerInnen angegeben.

In der DIN Norm 1840 findet man die Angaben, wann ein Gebäude "Rollstuhlgerecht" oder wann es zum Beispiel "Barrierefrei" ist.

 


Wie zuverlässig ist das Zeichen? Kommen RollstuhlfahrerInnen in den so gekennzeichneten Bädern ohne Hilfe an ihr Ziel, an das Ziel, das die  Berliner Bäderbetriebe angeben?

Ich habe einen Test begleitet mit einem Rollstuhlfahrer, der Schwimmer ist. Schwimmer meint, er möchte nicht nur planschen, sondern seine Bahnen ziehen wie alle anderen auch. Dafür muss er teilweise weite Wege in Kauf nehmen.

 

So wie alle anderen auch, hat jedeR RollstuhlfahrerIn bestimmte Vorlieben oder auch Voraussetzungen, was man braucht, um ins Schwimmbecken zu gelangen. Manche können ein paar Schritte laufen, andere können nur mit Wasserlift ins Wassser, die nächsten nutzen den Baderollstuhl.

Diese Merkmale kann man in der Filteroption des Größten Bäderbetrieb Europas ankreuzen um ein Bad zu finden, das den eigenen Maßstäben enstpricht.

 

Im Test ging es erstmal nur  darum, ob und wie weit RolstuhlfahrerInnen kommen, wenn sie ein Bad nutzen möchten das mit dem Symbol ausgewiesen ist.

Wellenbad Spreewaldplatz

Der Zugang erfolgt über eine Rampe, am Haupteingang. Das ist positiv, denn oft genug haben RollstuhlfahrerInnen nur über Hinter- oder Seiteneingänge Zugang.

Die Eingangstür öffnet nicht automatisch über Lichtschranke oder wenigstens auf Knopfdruck.

Klasse war die MitarbeiterIn an der Kasse. Kaum sah sie den Rollstuhlfahrer, war sie an der Tür und wollte sie aufhalten.

So schön diese Aufmerksamkeit der MitarbeiterIn ist, eine Dauerlösung ist das nicht. Was, wenn an der Kasse eine Schlange steht?

Der Einlass mit Eintrittskarte wird per Knopfdruck geregelt (wie bei Kinderwagen zum Beispiel auch).

Gleich unten, im Erdgeschoss, befinden sich die Umkleide- und Sanitärbereiche für Menschen mit Behinderungen. Im Eingangsbereich stand ein Baderollstuhl.

Der Rollstuhlfahrer mit dem der Test vonstatten ging, wollte lieber in seinem Rolli sitzen. Der Grund war mir sofort klar. Der Baderollstuhl kann nur von Leuten genutzt werden, die die Kraft aufbringen, ihn per Hand zu rollen oder eine Begleitperson muss ihn schieben.

Die Einfahrt war unproblematisch, aber beim abbiegen zu den Räumlichkeiten, um die Ecke stand ein Mülleimer. Der doch sicher einen anderen, weniger hinderlichen Platz finden kann.

Auf der linken Seite sind Umkleidebereiche. Für den Rollstuhlfahrer schon die nächste Schwierigkeit. Keine Sitzgelegenheit. Sehr begrenzter Radius, um zu drehen. Im nächsten Umkleidebereich gab es einen Plastikstuhl. Nicht wirklich sicher. Rollstuhlfahrer, die in ihrem eigenen Rolli bleiben wollen oder müssen, brauchen eine stabile Umsetzmöglichkeit um sich aus- und anzukleiden. Auf der gegenüberliegenden Seite sind die sanitären Anlagen. Toilette ohne Erhöhung, Waschbecken und ein nicht verstellbarer Sitz unter dem nicht verstellbaren Brausekopf.

Der Rollifahrer erklärte, warum das mehr als ungünstig ist. Wenn er nun duschen würde, müsste er aus seinem Rollstuhl auf den Sitz. Soweit klar. Aber der Rolli würde nass. Der Wasserstrahl würde überall hinplätschern.Der Tester war sehr gross, es war auch sofort klar, warum diese Sitze unter Duschen verstellbar sein müssen.

Von diesen Sanitärbereichen führt direkt eine Tür in den Gang, zu einer Tür, durch die man mit dem Rolli ins Schwimmbad kommt.

Wenn diese Tür geöffnet wäre. Sie war verschlossen. Zum Glück kam eine Reinigungskraft, die aufschloss. Ich bat sie, die Tür geöffnet zu lassen. Das wollte sie nicht.

Heißt also, einE RollifahrerIn muss darauf hoffen, dass jemand da ist, sonst: warten.

Im Schwimmbad kann man mit dem Rolli gut fahren. Dachte ich. Der Tester aber sagte, dass er links, Richtung Wellenbecken lieber nicht fährt, weil dort der Boden sehr nass war. Man rutscht damit aus der Spur.

Es waren nur wenig Bäderbesucher im Schwimmbad, einE MitarbeiterIn kam sehr schnell auf uns zu.

Der Rollifahrer kannte das Bad nicht und liess sich erklären, wo er ins Wasser kann.

Nach links geht es zum Wellenbecken. Rein käme er ins Wasser ohne Wasserlift, aber raus ist ein Problem. Außerdem ist er Schwimmer und beim Bahnen ziehen in dem kleinen Becken ist das einfach nur mühselig auf die eigenen Strecken zu kommen. Also in die andere Richtung, zum Schwimmbecken. Rampe hoch ging völlig unproblematisch. Aber ins Becken kam er nicht.

Er hätte ein paar Stufen laufen müssen.

Die MitarbeiterInnen hätten ihn mit einem Baderollstuhl, den sie sofort holten, runter getragen. Das Problem, wie er aus dem Wasser kommt, wäre geblieben. Außerdem ist das versicherungs- und arbeitsrechtlich und vor allem moralisch unmöglich für MitarbeiterInnen der Berliner Bäder. Man stelle sich vor, es passiert was. Die MitarbeiterInnen würden ihr Leben lang damit zu tun haben und  wohl keine Versicherung würde einspringen.

Fazit

Das Wellenbad ist, aus meiner Sicht, nicht einmal Rollstuhlgerecht. Auch nicht mit dem Argument, dass RollstuhlfahrerInnen ja ans Planschbecken kommen.

Verschlossene Türen, ungenügende Ausstattung in den ausgewiesenen Bereichen.

Das beste an dem Test waren die MitarbeiterInnen. Es war mehr als deutlich, dass sie gern jeden ins Wasser bringen würden, wenn es ginge.Alle möglichen Lösungen wurden überlegt als der Tester sagte, dass er nicht planschen, sondern schwimmen würde.

Einfach grandios, die BademeisterInnen.

Sommerbad Kreuzberg

Das Freibad war eigentlicher Anlass des Tests.

Seit Saisonbeginn waren die Bereiche, in denen sich Menschen mit Behinderungen umziehen, duschen oder zu Toilette gehen können, gesperrt. Ohne jeden Hinweis vor dem Bezahlvorgang am Bad oder im Internet.

Nachdem von BäderbesucherInnen sowohl die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, als auch Medien, Bäderbetriebe und PolitikerInnen angeschrieben wurden, kommunizierten die Berliner Bäderbetriebe ab 18.05. die Sperrung auf der Homepage. Kurz darauf wurden die Toiletten als zugängig beschrieben, nur die Duschen waren noch nicht nutzbar. Am Tag des Tests, der angemeldet war, war auf der Seite des Sommerbads kein Hinweis mehr zu gesperrten Duschen. Ich bekam die Information, dass der Bäderchef PolitikerInnen, die nachgefragt hatten, mitgeteilt hat, dass alles ok ist.

32 Grad, eine Besucherschlange bis an die U Bahnstation Prinzenstraße.

Wir sind zusammen an das Gitter, zu den Sicherheitsleuten gegangen, durch den regulären Eingang kämme ein Rollstuhl nicht durch.

Der Einlass war problemlos.

Um nicht vorzugreifen, habe ich nicht erklärt, wo was ist, der Tester kannte das Bad nicht. Der Bereich mit den Umkleiden und Duschen war schnell gefunden (er befindet sich links neben dem Eingang). Die Reinigungskräfte waren sofort da, schlossen eine Kabine auf. Der Tester schaute sich um, ich guckte um die Ecke in den Bereich. Lange Gesichter. Keine Duschen.

Dann sahen wir das Schild an der Tür: "bis Mitte Juni sind die Duschen nicht nutzbar"

So geduldig der Tester war, so wütend war ich.

Der Bäderchef selbst teilt auf Nachfrage PolitikerInnen mit, alles sei repariert und dann das? Auf der Homepage kein Hinweis mehr, was suggeriert, alles sei nutzbar.

Der Tester wollte versuchen, ob er vielleicht im anderen Sanitärtrakt irgendwie duschen könnte. Nein, Durchfahrt zu schmal.

Wenigstens wollten wir noch schauen, wie einE RollifahrerIn nun ins Wasser kommen könnte. Kein einziges Schild haben wir entdeckt, welchen Weg RollifahrerInnen nehmen müssen. Prompt standen wir am Gastrnomiebereich und vor einer Treppe. Also zurück und dann ging es bis zur Wiese. Kein Zugang ohne Durchschreitebecken. Mit dem Elektrorolli nicht machbar.

Ich bin dann kurzerhand zu einem/ einer MitarbeiterIn am Beckenrand.

Hier bekam ich die Auskunft, dass der Weg ans Becken versperrt ist durch einen Zaun (hinter dem Bauteile liegen).

Auch hier wieder Überlegungen der/ des MitarbeiterIn, wie sie/ er eineN RollstuhlfahrerIn ins Wasser bringen könnte.

Keine Chance, nur  durchs Durchschreitebecken.

Endstation.

Fazit Sommerbad Kreuzberg

Aus meiner Sicht ist das Freibad nicht Rollstuhlgerecht.

Das Freibad ist nur nutzbar, wenn man die Fähigkeit hat, durch das Durchschreitebecken zu kommen. Das geht vielleicht mit Baderolli, nicht aber ohne Hilfe.

Aufs duschen müssen Bäderbesucher mit Behinderung verzichten.

Ich habe umgehend via Soziale Netzwerke auf die irreführende Kommunikation der Bäderbetriebe hingewiesen. Mittlerweile ist wieder ein Hinweis zu lesen im Bezug auf die Duschen.

Das beste am Test waren die hilfsbereiten BesucherInnen und MitarbeiterInnen am Beckenrand.

Bei dem Test ging es nicht um Barrierefreiheit, das ist nochmal eine andere Stufe. Es ging auch nicht um Wasserlifte. Es ging darum, ob das Symbol, das die Bäder führen, Rollstuhlgerecht, zu Recht geführt wird.

Der Rollstuhlfahrer, der es getestet hat, würde diese Bäder nicht nutzen, weil die Ausstattung ungenügend ist.

Ich finde, die Berliner Bäderbetriebe müssen wesentlich besser werden. Sowohl was das Symbol und seine Bedeutung betrifft, vor allem aber mit weiterer Ausstattung wie Wasserlift in jedes Bad, Zugang ohne verschlossene Türen.

Mein Wunsch an den Größten Bäderbetrieb Europas: testet das mit SchwimmerInnen die im Rollstuhl sitzen. Die wissen am besten, was sie brauchen, um genau wie alle anderen ihre Bahnen ziehen zu können

*Es stellte sich heraus, dass die Kabinen mit Duschen und Toiletten mit dem Euroschlüssel auch zu öffnen wären.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0