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Stadtbad Neukölln Große Halle

Wie beschreibt man ein Bad, dass in vielen Medien als "eines der schönsten Bäder Europas" bezeichnet wird und man selbst das Besondere nicht fand und findet?

Was schreibt man über ein Bad, dessen Originalität schon bei seiner Erbauung eine Nachbildung war und später bei Sanierung zwar der Denkmalschutz eine Rolle spielte, aber dennoch Originale einfach platt gemacht wurden?

Ein Verriß wäre zu einfach, aber es läuft wohl darauf hinaus. Vielleicht findet sich jemand, der das Bad liebt und es mit dem Blick des Wohlwollenden beschreiben kann?

 

103 Jahre ist es her, dass ein opulentes Bad, in Anlehnung an römische Thermen, für das Volk eröffnet wurde.

Zwei Becken, streng getrennt in zwei Hallen untergebracht, das kleinere für Damen, das größere den Herren vorbehalten. Eigentlich ein Idealzustand für das heutige Ansinnen des Betreibers. Das kleine Becken könnte das Warmbad sein, mit Zuschlag, für Wellness, Kurse und Co. Das große Becken zum normalen Preis für diejenigen, die Ortsnah Daseinsvorsorge suchen. Es ist bekannt, hier sind beide Hallen warm, kosten 1,50 Euro Preisaufschlag.

Zur Geschichte des Bades kann man leicht etwas finden.** Das wenigste auf der Homepage des Betreibers.

Vielleicht weil in dieser Saison die Öffnungszeiten erneut eingeschränkt wurden? Mittlerweile ist in diesem Bad, das laut Bäderkonzept ein Öffentlichkeitsbad, also ohne Schulen und Vereine,  sein soll, mehr als 50% keine öffentliche Badezeit.

Das war mal völlig anders. Auch damals waren Schulen in den Bädern, Vereine und trotzdem öffentlicher Badebetrieb.

Was in den ersten vier Jahren nach Eröffnung des Schwimmbads in dem man auch Wannen- und Brausebäder nehmen konnte, los war, zeigt dieser Ausschnitt. Ab 1918 wurden die Öffnungszeiten gekürzt, dafür die Zahl der Betriebstage erhöht.

Auch in Rixdorf, wie dieser Teil des heutigen Neukölln hieß, hatten die Stadtväter  verstanden, wie wichtig Schulschwimmen ist. In Charlottenburg war bereits das Schulschwimmen beschlossen. Die Diskussion fand 1919 im Stadtrat statt.


Mir war klar, das mich ein Warmbad erwartete, aber ich habe noch lebendige Erinnerungen an die Zeit, in der ich in Neukölln, fußläufig 10 Minuten entfernt vom Bad wohnte und jeden Tag dort schwimmen war. Und ich meine schwimmen. Nett, das Ambiente, aber schon damals sprach es mich nicht so an, dass ich in Begeisterungsströme ausgebrochen bin. Man konnte, wenn man das Glück hatte an der Seite Platz zu finden, in der Großen Halle durchaus Bahnen ziehen. Inklusive Rollwende, denn dafür reichen die 90 cm Tiefe an der flachen Seite absolut aus. In der Mitte des 25 Meter Beckens führt eine Treppe ins Wasser, deshalb ist dort Bahnen schwimmen nie möglich gewesen. Schon damals ging mir das Gewese um das Bad mehr auf den Nerv als dass ich das Bad wirklich herausragend fand. Das mag daran liegen, dass es ein Stadtbad Spandau Nord gibt, das Müllersche Volksbad in München oder Kaiser Friedrich Therme in Wiesbaden. Wer mithalten will mit Thermen, Warmbädern, der muss auch an Duschen, Umkleideräume und Beleuchtung denken.

Bei der Sanierung Mitte der 1980 er Jahre wurden die Badekabinen am Beckenrand entfernt, Mosaike durch langweilige Einfarbigkeit ersetzt.

Umkleide- und Duschräume, völlig überheizt, klein, eng, 1970 er Jahre mischen sich mit schrill gelb a la 1980 er.

Und mit "Wellness" und "Warmbaden" "Romantisches Baden" und "FKK" wirbt der Betreiber. Und gibt zu, das Bad ist kein Bad zum schwimmen. Stadtbad? Naja.

Wie war es denn nun?

 

Schneetreiben, kalt, graues Gebäude. Viele Türen,  von denen keine darauf hinweist, welche denn nun zu öffnen ist. Hat man die richtige gefunden, steht man in einem dunklen, kleinen Foyer. Ein Glasvitrine mit Schwimmausrüstungsgegenständen links, recht das Kassenhäuschen.

Es blinkte, glitzerte auf dem Kopf der Mitarbeiterin. Weihnachtsmütze und allerlei andere Weihnachtsdeko hatte sie im Haar. Ich fragte, ob es immer noch der obligatorische Euro für den Spind sei, man weiß das ja nie... Sie bejahte das und auch die Frage nach dem Fünfer für die Föhne, sehr freundlich. Fragte mich nach der Eintrittskarte und hob den Daumen als ich meine Premiumkarte zeigte.

Durch die Tür und man steht in einer imposanten Halle. Wunderschöne Decke, Wandbilder.

Hallo, Berliner Bäder Betriebe, was geht bei euch? Überall Zettelwirtschaften in den Bädern und hier irrten grade zwei Besucher rum und suchten Sauna und den Babyschwimmkurs.

Waren meine Schwimmerlebnisse im Stadtbad Neukölln noch lebendig, die Wege aber hatte ich schon lange vergessen.

Treppe hoch und dann das Drehkreuz. Noch weiter nach oben geht es zur Sauna. Die soll wunderschön sein, gibt es eigentlich Dachterasse und Caféteria dort noch?

Am Drehkreuz dann dieses Schild. Hach ja.

Hinter dem Drehkreuz fängt die Welt der tropischen Hitze an. Ich dachte, ich kriege einen Schlag. Gefühlte 32 Grad und es wurde noch heißer. Links Damen, rechts Herren. Fand jetzt ein männlicher Besucher auch nicht so leicht, sich zu orientieren...

Im Damenbereich rechts Sammelumkleide, links bin ich nicht mehr runter gegangen, es war wirklich brüllend warm. Ich meine, hey, draussen war Schneetreiben, Mütze, Wintermantel, Handschuhe, Schal.

Also ab in die Sammelumkleide. Hemdschmale Spinde in grützegelb, schmale Bänkchen, ich bin zu dick, mein Rucksack ist zu dick, mein Mantel ist zu dick für diese Welt.

Es war sauber, ebenso die Toiletten, die man links im Gang findet. Recht sind die Duschen. Tja, was soll ich sagen. Weiß. Haken, Ablagen, alles recht eng. Ich möchte nicht wissen, wie es ist, wenn mehr als drei Damen dort duschen.

Von dort geht es zum Schwimmbecken.

Tür auf und die nächste Wand aus Hitze raubt den Atem.

Ein Ort wie eine Kirche, nur mit Wasser in der Mitte zwischen den Säulen. Weihnachtsgirlandenlicht oben. Arghhh. Historisches Ambiente in Glitzerblink.

Ablagen.

Absperrgitter trennen Mitarbeiteraum und Schwimmbecken zusätzlich voneinander. Wofür?

Zwei Mitarbeiterinnen, die ich fragte, wie viel Grad das Wasser hat, 30?

32 Grad, Luft 35. Eine bot mir an, mir eine Poolnudel zum rumdümpeln zu geben, sehr Kundenfreundlich, aber ich hatte ja mein Brettchen.

Na gut, geahnt hatte ich es und war ja  zum baden da. Mit mir badeten 10 weitere Personen, eine kraulte- und lebte noch, als ich ging. Bewundernswert.

Ich dümpelte ein paar Bahnen mit meinem Brettchen rum, bis sich mir der Magen umdrehte. Nein, nicht wegen des warmen Wassers. Ein Mann mit Baby auf einem Arm. Er spazierte am Rand lang, das Baby ohne jede Schwimmhilfe. Ich versuchte ihn anzusprechen, wurde ignoriert.

Was, wenn er einen Krampf bekommt, ausrutscht? Dann stieg er auf der Seitentreppe mit Mühe, verzerrtes Gesicht, sich einhändig am Geländer festhaltend, im anderen Arm das Baby, aus dem Wasser. Nur um dann wieder an der flachen Treppen hineinzugehen.

Weil ich die zwei Mitarbeiterinnen nicht sah, sprach ich die junge Mitarbeiterin, die im Kabuff an ihrem Handy spielte, an. Ihre Antwort "Das überlassen wir den Eltern" Als ich ihr sagte, dass das verantwortungslos sei, meinte sie, die sind doch nur im flachen Teil. Spreche ich chinesisch? Ich hatte die Situation beschrieben der Vater war, am Rand hangelnd mit einer Hand, auf der kleinen Mauer lang gelaufen, auch im tiefen Teil. Es interessierte sie leider nicht. Nebenan, in der Kleinen Halle, fand übrigens grade Babyschwimmen statt.

Wie wäre es, wenn Eltern mit einer Art Infoblatt, dass beim Kauf der Eintrittskarte ausgegeben wird, auf die Gefahren des Stillen Ertrinken von Kindern hingewiesen wird?

Fazit: Zum baden ok, aber das Erlebnis der Badekabinen am Beckenrand wie im Stadtbad Spandau Nord fehlt. Ich fragte mich wieder, was denn nun? Ist das ein Wellnesstempel? Dann macht mal was mit Duschen und Umkleiden. Ist das ein Stadtbad? Dann heizt das Wasser nicht und reduziert den Preis.  So ist es nicht Fisch nicht Fleisch. Für 7 Euro einfach nicht genug Originalität oder wenigstens Kinderspass.

Ausstattung: Große Halle 25 Meter, Kleine Halle 19 Meter.

Sauna, Gastronomie (die vom Bad aus nicht zugängig ist, jedenfalls habe ich nichts gefunden)

Leseempfehlungen: "Das Stadtbad Neukölln 1914 und 1984. Zur Wiedereröffnung am 10.05.1984, Jörg Peter Beck

 

1 Woche im Stadtbad Neukölln- auch wenn zu dieser Zeit das Bad nie eine ganze Woche ohne Schließungen geöffnet hatte und der Artikel über einen längeren Zeitraum entstanden sein muß - oder vor langer Zeit, lesenwert in der TAZ

 

Zur Sanierung 2009 Architekten Veauthier

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