Das Seebad Mariendorf: der Badebetrieb

Mit den Augen einer Schwimmerin betrachtet: die Geschichte des Seebad Mariendorf

 

 

Einst das schönste und größte Seebad von Groß Berlin ist es vom Bezirk Tempelhof und selbst im Heimatmuseum Mariendorf heute vergessen.

 

 

Quelle Hans Ulrich Schulz 

 

 

Selbst in Aufzeichnungen heute noch existierender Schwimmvereine findet es nur am Rande Erwähnung.

 

 

 

Gebaut wurde das Seebad Mariendorf ab 1872 bis es 1876 eröffnet wurde. Der Gründer, Adolf Lewissohn* war zu Baubeginn 20 Jahre alt.

Damals waren dort, in der heutigen Ullsteinstrasse, Teiche und Sümpfe.

Er ließ Teile davon trocken legen und der Sumpf wurde befreit von Pflanzen und ausgebaggert, so dass ein Sandboden entstehen konnte. Die Wände des Schwimmbeckens wurden aus Beton gegossen. Eine enorme Leistung, bedenkt man die Zeit und die damalige Technik.

 

Wie aus einer Anzeige in einer damaligen Zeitung hervorgeht, hat Adolf Lewissohn seine Arbeiter gut bezahlt und er selbst war sich nicht zu schade, harte körperliche Arbeit zu verrichten, um seine Idee zu verwirklichen. 

Quelle Hans Ulrich Schulz

Quelle Museum Tempelhof Schöneberg/ Archiv


Das Seebad Mariendorf befand sich in der Ullsteinstrasse und erstreckte sich vom heutigen Mariendorfer Damm bis zur heutigen Rathausstrasse. Es reichte mit Sandstrand und Flächen bis zur heutigen Markgrafenstrasse. Wenn man also auf den Stadtplan von heute schaut, hat man eine Idee, wie riesig das Gelände war. 

Auf dem Gelände dieser größten Badeanstalt von Groß Berlin hatte Salomon Lewissohn, der Vater des Gründers, 1874 ein großes Gebäude errichtet. Das diente zum einen als Wirtschaftsgebäude für die Badeanstalt, zum anderen als Wohnraum der Familie.

Schon zwischen 1888 und 1898, wenige Jahre nach der Eröffnung begann Adolf Lewissohn mit dem, was man heute Sanierung und Erweiterung nennen könnte. Es wurden weitere Attraktionen errichtet. Dazu gehörte eine Kegelbahn, was damals neu war, Erweiterung der Schwimmbecken. Adolf Lewissohn hat das Seebad immer wieder modernisiert, es gab unter anderem einen Konzertpavillion, Retaurants der gehobenen Klasse, ein Gartenlokal das sich viele leisten konnten. 

 

Es gab einen Sandstrand, man konnte, wie ein Zeitzeuge zu berichten weiß, Süßigkeiten kaufen, Brause für 10 Pfennige zum Beispiel.

 

Quelle Hans Ulrich Schulz

Alles wie heute in Freibädern, nur in einer Dimension, die man sich als Schwimmer kaum noch vorstellen kann. Wenn man heute davon redet, dass schwimmen allein die Besucher nicht anlockt, ist das definitiv keine Erfindung der Moderne. Was heute als innovativ dargestellt wird, hat Adolf Lewissohn bereits zu seinen Lebzeiten verwirklicht.


                                            Quelle Hans Ulrich Schulz

Immer wieder in den Jahren, die das Seebad existierte, wurde es erweitert und modernisiert. Finanziert hat Adolf Lewissohn das mit seinem kaufmännischen Geschick. Er war das, was man heute eine prominente Persönlichkeit nennen würde.

 

 

Auf dem riesigen Grundstück gab es eine Art Parkanlage. Adolf Lewissohn liebte Tiere und Pflanzen. Die Kastanien, die heute auf dem Gelände zu sehen sind, dürften in Anbetracht ihres Alters noch von ihm gepflanzt sein. 

An das Schwimmbecken angrenzend befand sich ein Teich mit Fischen. Adolf Lewissohn ließ aus Findlingen dort eine Grotte bauen, deren Reste heute noch zu sehen sind. 

Zeitzeugen erzählen, dass man auf diesem Teich mit kleinen Booten romantische Fahrten unternahm. An der Grotte befand sich ein Wasserfall, unter dem sich Pärchen, verborgen vor der strengen Öffentlichkeit küssen konnten.*

 

 

Das Seebad Mariendorf war zu dieser Zeit allein schon dadurch innovativ, dass Adolf Lewissohn einen Brunnen von 60 Meter Tiefe ausheben ließ. Dort war eine elektrische Pumpe installiert, die Frischwasserzufuhr garantierte. Es gab Abflüsse, um die Becken zu entleeren.


Es gab ab 1911 ein Wettkampftaugliches 100 Meter Schwimmbecken.

Schwimmer von heute gucken ein bißchen neidisch auf die damaligen Beckenlängen. Es gab eine Sprunganlage und Vorrichtungen, die man „Galgen“ nannte. An diesem wurden Schwimmunterricht erteilt. Ein Korkgürtel um den Bauch, wurden die Nichtschwimmer dort quasi eingehängt und machten so ihre ersten Schwimmbewegungen.

Damals schwamm man nach Geschlechtern getrennt, so gab es jeweils ein Becken für Damen und Herren. Getrennt waren die Bereiche durch einen langen, überdachten Steg und das Personal, davon darf man ausgehen, wachte streng über die Einhaltung der Geschlechtertrennung im Wasser. Und natürlich in den Umkleidebereichen.

 

 

Guckt man sich die Bilder an der Bademode von damals, könnte man schmunzeln. Im Laufe der Jahre wurde diese immer knapper. Irgendwann drehte sich dieser Trend um und heute schwimmt man Wettkämpfe in Knielangen Schwimmanzügen und Badehosen. Die heutige Bademode ist der aus den Jahren um 1900 ähnlicher als man sich wahrscheinlich gedacht hätte.

                                           Quelle Hans Ulrich Schulz

Kurz nach dem der Umbau in Betrieb genommen war, gab im Seebad Mariendorf die ersten großen Schwimmwettkämpfe. 200 Schwimmer kämpften um Pokale in mehreren Wettkämpfen. Aus einem Zeitungsausschnitt geht hervor, dass auch Adolf Lewissohn einen Preis gestiftet hatte. Ebenso schreibt der Redakteur, dass ein weitgereister Sportjournalist das Seebad Mariendof als einzigartig in der Welt bezeichnete.

Für die Verbandsmeisterschaften im August wurde extra eine Tribüne errichtet, damit Honoratioren wie Wettkampfrichter, Ehrengäste in der Hitze des heißen Sommers des Jahres 1911 ein Dach über dem Kopf hatten.

 

Im darauf folgenden Jahr fanden im Seebad Mariendorf die Ausscheidungswettkämpfe der Olympischen Spiele statt. Nicht nur im schwimmen, sondern auch im Turmspringen.

 

Die Elite der deutschen Schwimmer traf im Seebad Mariendorf aufeinander.

Darunter waren Walther Bathe, Wilhelm Lützow, Kurt Malisch, Hans Luber und Paul Günther.

 

W. Bathe wurde im gleichen Jahr Olympiasieger über 200 Meter Brust. K. Malisch holte in der gleichen Disziplin Bronze. W. Lützow stellte in zwei aufeinanderfolgenden Jahren, 1912 und 1913 Weltrekorde auf in mehreren Disziplinen. P. Günther und Hans Luber, Kunstspringer, holten olympisches Gold und Silber.

 

 

Im Jahr der Ausscheidungswettkämpfe für Olympia wurde das Wohn- und Wirtschaftsgebäude erneuert. Der Architekt war Siegfried Weile***


Als der Erste Weltkrieg begann, wurde auf dem Seebad Gelände ein Lazarett eingerichtet. Die Tochter des Gründers, Helene Lewissohn, hat damals in diesem Lazarett gearbeitet um kranke und verwundete Soldaten zu pflegen.

 

Während des Krieges trainierte im Seebad immer noch der Verein „Die Friesen“. Irgendwie musste ich grinsen. Ein Verein nutzt Wasserfläche, von der Bevölkerung dürften sich nur wenige den Schwimmsport geleistet haben.

 

1917 wurde der Badebetrieb eingestellt, aber schon zwei Jahre später öffnete das Seebad wieder seine Tore.

Der Gründer war mittlerweile 65 Jahre alt und verpachtete den Badebetrieb. Wie nachzulesen ist, zum Ärger des genannten Vereins. Hatte der Gründer des Seebad ein „Herz für den Schwimmsport“ und unterstütze den Verein mit dem, was man heute Sponsoring nennt, war der Pächter, ein Max Zander, ein wirtschaftlich orientierter Mann und wollte lieber zahlende Badegäste als eine Belegung der Wasserfläche durch den Verein.

 

Zum 50 jährigen Jubiläum des Seebad, 1922, kam es in Turbulenzen. Es war schwierig für alle Attraktionen auf dem Gelände, für die Lokale, den Konzert Pavillion und so weiter, Pächter zu finden. Mittlerweile waren in Mariendorf neue Attraktionen entstanden und die Konkurrenz im Bezug auf Lokale und Konzerte war größer geworden.

1914 bis 1925 gab es keine Veranstaltungen im Seebad.Der Badebetrieb sollte aber stattgefunden haben.

Aber schon 1926 ging es wieder rund auf dem Seebad Gelände. Tanz, Hochzeitsfeiern, Konzerte, Attraktionen. Inklusive Badebetrieb.

 

Im Jahr danach, am 14.11.1927 verstarb Adolf Lewissohn und seine Tochter Helene übernahm den Badebetrieb nun allein. Adolf Lewissohns Frau, Louise, war zu alt, um sich darum zu kümmern.

 

Die Eintrittspreise blieben sozial verträglich, so dass auch Arbeitslose oder Studenten sich den Eintritt in das Bad leisten konnten. Es gab sehr günstige Eintrittspreise für Kinder und Jugendliche.

Das blieb zumindest solange der Fall wie das Bad der Familie Lewissohn gehörte. Zeitungsanzeigen zeugen von dieser sozialen Haltung einer Familie, die es zu Reichtum und großem Ansehen gebracht hatte. Es gab kein städtisches, kommunales Bad und so haben Privatleute für das gesorgt, was heute als Daseinsvorsorge bekannt ist.

Es gab am Ende der Badesaison 1927 angeblich Probleme mit der Wasserqualität. Das zumindest hatte der Verein „Die Friesen“ behauptet. Es sei zu „Augenkrankheiten gekommen. Der Pächter, immer noch Max Zander, der dem Verein nicht so großzügig begegnete wie der Gründer, wies diese Anschuldigen von sich. Das damalige Gesundheitsamt gab dem Pächter recht.

 

 

Helene ließ im Jahr nach dem Tod ihres Vaters einen Gedenkstein am Eingang des Seebad aufstellen.****

In diesem Jahr, 1928 hatte das Seebad nach Zeitungsmeldungen der damaligen Zeit täglich 4000 Gäste und das auf 9000 Quadrametern Wasserfläche.

1932 gab es dann einen neuen Pächter, einen Herrn Kummer, der Restaurant und anderen Betriebe. Kummer war zuvor im „Palais de dance“ in dem der als „König des Ragtime“ bekannte Giorgi Vintelescu Orchesterleiter war, ein erfolgreicher Gastronom gewesen

 

Bis 1933 sah es so aus, als könnte die Eigentümerin, Helene Lewissohn das Seebad Mariendorf mit diesem Pächter weitere Jahre das Seebad führen.

Es ist leider bisher nicht zu recherchieren gewesen, warum Kummer aufgab. Bekannt ist aus der Geschichte, dass die Nazis bereits seit den 1920 er Jahren Gastronomen, Tanzlokale von jüdischen Bürgern terrorisierten.

Auch wenn in den Jahren die Attraktionen brach lagen, der Badebetrieb wurde aufrecht erhalten. Erstaunlich, denn auch der neue Pächter, ein Felix Siebert, gab noch vor Antritt des Vertrages auf. Genau zum Zeitpunkt der Machtübernahme der Nationalsozialisten die ihren Terror nun in den ersten Gipfel, Boykott jüdisch geführter Betriebe, ausweiteten.

 

Dieser Terror bedeutete natürlich, dass die Einnahmen zurück gingen. Es konnte nur noch geschwommen werden und ohne Einnahmen aus den Pachten ging es finanziell Berg ab.

 

Das Seebad kam 1934 unter Zwangsverwaltung und Helene Lewissohn wurde quasi enteignet.

Die Einzelheiten der Geschichte Helene Lewissohns liest man hier klick

 

Der neue „Besitzer“ des alten Wohnhauses, des Konzertsaals, des Restaurants und der technischen Einrichtungen war Paul Hilgner.

 

Helene Lewissohn aber führte den Badebetrieb weiter. Es kamen Schwimmvereine, Schulen und andere zum schwimmen. Die Einnahmen daraus konnten den Niedergang nicht aufhalten. Es fehlten ja weiter die Einnahmen aus der Gastronomie und Pachten. Das Seebad wurde unter äußerst dubiosen Umständen zwangsversteigert. Auch hier hatten die Nationalsozialisten ihre Finger im Spiel.

Darunter waren natürlich auch Menschen, die sich bei den Lewissohns die Klinke in die Hand gegeben hatten. An den Familientafeln mit ihnen gesessen hatten und die Hände aufgemacht hatten, wenn Adolf Lewissohn und später seine Tochter Helene großzügig den Bezirk und seine Bewohner unterstützt hatten. Die Nazis sorgten dafür, dass das Lebenswerk Adolf Lewissohns seiner Tochter gestohlen wurde.

 

1939 wurde Helene Lewissohn von dem ihr enteigneten Gelände gejagt.

Der Badebetrieb schien eingestellt gewesen zu sein.

 

Nach dem Krieg, schloß der Bezik Tempelhof mit der Witwe des Käufers einen Pachtvertrag. Mir ist ehrlich gesagt nach der langen Zeit in der ich mich mit dem Thema Seebad Mariendorf und der Familie Lewissohn befasse, immer noch nicht klar, warum ein Pachtvertrag mit der Witwe des Besitzers der beschriebenen Teile des Gelände geschlossen wurde.

 

Auch noch nicht klar ist mir, wie ein Foto 1949 datiert, dass den damals, übrigens im Seebad Gebäude, gewählten Bürgermeister Jens Nydahl (SPD) zeigt wie er das Anbaden eröffnet.

Johanna Piepenburg hatte das Abenteuer gewagt als Pächterin des Badebetrieb. Sie finanziete die Sanierung, ließ Kriegsschäden beseitigen und am 01.06.1950 war anbaden.

 

Für einen Sommer. Als das Seebad im September 1950 für immer seine Türen schloss, gab es in Tempelhof bis 1955, Eröffnung des Sommerbad Mariendorf- vielen als die „Rixe“ bekannt- gar kein Schwimmbad mehr und die Schwimmer mussten weite Wege auf sich nehmen.

 

 

Ohne Adolf Lewissohn und Helene Lewissohn hätten Schwimmer und viele Schwimmvereine aus Tempelhof und darüber hinaus viele Jahrzehnete keinen Trainingsort im Frühjahr und Sommer gehabt.

 

 

 

*Adolf Lewissohns Leben weiterlesen

** Frau Olszewski, die Pflegeleiterin des heutigen Alloheim/ Seniorenstift auf dem Gelände des Seebad Mariendorf hat diese Geschichte von einer Bewhnerin erzählt bekommen

***Siegfried Weile *18.06.1885 hat unter anderem das Kaufhausgebäude Edmund Elend entworfen. Heute ist dort Karstadt in Tempelhof. Siegfried Weile wurde von den Nationalsozialisten in Ausschwitz ermordet. Heute erinnert ein Stolperstein in der Westfälischen Str 59 in Berlin an ihn. 

**** Inschrift des Gedenksteins der verschwunden ist:

 

Zur Erinnerung an den Gründer und Schöpfer des Seebad Mariendorf

                            Adolf Lewissohn

 

Geboren am 06.07.1852                        Gestorben am14.11.1927 

Wer wir sind lesen

Adolf Lewissohn lesen

Helene Lewissohn lesen

 

 

 

Am 09.07.2016 wird es ein Sommerfest geben auf dem Gelände des ehemaligen Seebad auf dem heute das Alloheim/ Seniorenstif steht. Zur Einladung klick 

Ich bedanke mich bei Hans Ulrich Schulz. Er hat die wohl größte Sammlung an Postdokumenten zum Bezirk Tempelhof. Von ihm stammen die meisten Bilder und Postdokumente. Ich bedanke mich nicht nur für die Bilder, sondern insbesondere auch für die Zeit, die er sich genommen hat für unser Anliegen an das Seebad und die Familie Lewissohn zu erinnern. 

Ebenso bedanke ich mich bei Frau Olszewski für diese wunderschöne, kleine Geschichte der Bewohnerin des Seniorenstifts und bei Herrn Quade, dem Leiter des Seniorenstift.

Ich bedanke mich bei der Mitarbeiterin des Archiv des Museum Tempelhof Schöneberg bei der Mitarbeiterin des Sportmuseum, den Mitarbeitern des Landesarchiv und des Entschädigungsamt für die freundliche Unterstützung.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0