Kombibad Mariendorf Halle

Geliebtes gehen zu lassen ist wohl so ziemlich das schwerste.

Mein Stammbad. Tausend Erinnerungen, viele Schwimmkilometer in der Halle des Kombibads Mariendorf.

 

Eröffnet im April 1975, knapp 20 Jahre nach dem Sommerbad an der Rixdorfer Strasse, an einem kalten Frühlingstag.

Von Zschornewitz, einem der ältesten Kraftwerke Deutschlands, heute Industriedenkmal,  verlief die Golpa Leitung  hier entlang bis nach Rummelsburg.

Das Gelände, auf dem das als Ankogelbad bekannte Kombibad steht, war bis kurz vor dem II. Weltkrieg Eigentum der jüdischen Gemeinde und ein projektierter jüdischer Friedhof. Das Gelände wurde von der jüdischen Gemeinde 'verkauft' , Käufer war der Magistrat von Berlin.

Das geplante Multifunktionsbad, das  Helene Lewissohn Bad heißen soll, wird mit diesem Namen nicht nur an die Familie Lewissohn und an die unter der NSDAP enteignete Helene erinnern, sondern auch  der Geschichte des Geländes gerecht.

Bis es soweit ist, werden noch oft Kacheln gezählt werden können, wenn das Bad nicht aufgrund seines Zustandes vorher vom Netz gehen muss.

Konzipiert als Ganzjahresbad gehört zu einem Kombibad der Außenbereich. Nutzbar ist der nur, wenn Freibadsaison ist. Schade. In Berlin fehlt das Besondere und das ist ein Multifunktionsbad sicher nicht, sondern das ganzjährig geöffnete Freibad das es in anderen Städten gibt.

 

Beton war das Material der Stunde. Asbest. Praktisch. Eckig. Parkplätze, Häuser, sonst nichts.

Betritt man das Bad, steht man in einem eher dunklen Foyer. Und wie in jedem der Berliner Bäder, Zettel allover. Glaskasten mit Schwimmutensilien die man kaufen kann. Rechts ein paar Sitzmöbel aus Holz. Bierbank Atmosphäre. Die Treppe hoch geht es zur Sauna, durch das Fenster sieht man die Schwimmbecken.

Links die Kasse, geschlossenes Kabuff. Passiert man die Drehkreuze geht es gefühlt kilometerlang durch einen schmalen, gefliesten Gang. Typische Architektur der 1970 er Jahre. Vorn geht es in die Gänge zu den Jungs- und  Herrenumkleiden, hinten zu denen der Mädchen und Damen. Tausend Spinde und Einzelkabinen, naja, gut, es sind 399. Aber für euch nur bis 398. Die 399 gehört mir. Steht mein Name dran. Wer das nicht glaubt, guckt nicht genau genug...

Braune Türen, seventies ohne Prilblumen.

Sauber, sehr gepflegt. Mit Spiegeln in denen man sich erkennen kann.

Die Duschen, Mädchen links, Frauen rechts, aber nutzbar sind alle von allen. Sauber, genau wie die Toiletten. Die haben blaue Türen. Warum? Weiß ich nicht. Waren noch übrig?

An den Duschen sind Ablagen, Haken nur an der gekachelten Zwischenmauer. In der Frauendusche gibt es Schamwände. Alle Duschen funktionieren lang genug und das hat einen Grund. Die Chefin selbst lässt die Taktung kontrollieren. Hier passiert es nicht, dass man sich dumm und dusselig drückt mit Seife in den Augen. Die Temperaturen sind regelbar. Die Dusche Nummer 11 ist leider nur nutzbar wenn ich nicht da bin. Steht auch mein name dran, musst du nur richtig gucken. Durch die Tür geht es in die Schwimmhalle.

 

50 himmelblaue Meter, riesige Fensterfront. Wenn die Sonne scheint fast ein Gefühl von Freibad.

Update: Das als Sportbad konzipierte Kombibad Mariendorf hat in dieser Saison zwei abgeleinte Bahnen. Eigentlich. Ohne Beschilderung halten sich dort alle auf, die sich dort aufhalten. Es ist wie überall, Leute, die vor vollen U Bahnen Türen stehen bleiben wenn noch 300 Leute aussteigen wollen, versammeln sich auch alle in einem Bad. Diejenigen, die dringend vor Rolltreppen stehen bleiben um ein Telefonat zu führen, stehen mitten auf diesen Bahnen in denen die Pläuschchen gehalten werden, die dringend nötig sind. Am skurilsten aber sind diejenigen, die mitten in der Bahn quer paddeln um zu wenden und darauf angesprochen "ich schaffe keine 50 Meter" sagen.

Das Bad hat einen Bereich von 4 Bahnen der mit einer Nichtschwimmerleine diejenigen absichert. Aber das wollen sie nicht. Die Tiefe beträgt zwischen 180 cm und 120 cm. Und dort, wo es 120 tief ist wenden einige eben auch. Weil sie senkrecht durchs Wasser laufen. Sind wohl Jesus, nur dass der über das Wasser lief.

Leider kolportiert sich der Ruf, dass sich im Ankogelbad die undiszipliniertesten Gäste tummeln. Das stimmt immer häufiger, die Frage ist, sind es 'Auswärtige' oder werden die Leute immer ruppiger. War ich viele Jahre ohne große Unfälle, außer den Kollisionen, die unvermeidbar sind, hier geschwommen, wurde ich dieses Jahr bereits 4 Mal in heftige Zusammenstösse verwickelt. Mag sein, dass es daran liegt, dass ich immer defensiver wurde, das wird mir gesagt von Besuchern die mich ewig kennen. Gut möglich aber auch, dass die Rücksichtslosigkeit von Besuchern zunimmt. Zuletzt schlug mir ein Mann mit Paddles so auf den Fuss, dass er tagelang blau war. Unabsichtlich? Dann hätte er sich entschuldigt, das Gegenteil war der Fall. Die letzte Situation mit so einem Ignoranten hatte ich kürzlich als ein Mann von etwa 65 in die Nachbarbahn sprang und unter mir auftauchte als ich zur Rollwende ansetzte. Nur durch eine Drehung konnte ich ihm ausweichen. Als ich ihn fragte, ob das sein muss, grinste er er nur und drohte. Tja.

Ich kenne jede Kachel, die alle noch original sind. Ein super Zustand für ein Bad das so alt ist.

Ein Team das sich für 'sein' Bad einsetzt und auch auf Kleinigkeiten achtet.

 

Die Föhne funktionieren mit 5 Cent und die Ablagen, Böden, alles ist so sauber, da darf auch mal was runter fallen. Der Föhn Nummer 8 allerdings ist nur dann nutzbar, wenn ich fertig bin. Steht auch mein Name dran.

Die Gastronomie "Kombüse" wird seit Januar 2017 neu bewirtschaftet. Neuerdings gibt es an Wochenenden Brunch. Noch nicht getestet.

 

Fazit: Berliner Institution im Außenbezirk. Immer noch zuverlässiger als die meisten Bäder bei Öffnungszeiten. Bei Belegungsangaben immer häufiger Überraschungen, leider.

Erinnerungen. Wasserwohnzimmer. Und, immer noch, das Bad in dem ich am liebsten schwimme. Was ich an meinem Stammbad so schätzte scheint zu verschwinden noch bevor das Bad verschwindet. Ich suche es trotzdem immer wieder. Und manchmal gelingt das auch. Tipp, aber nicht weitersagen, an Tagen, an denen es öffnet außer der Reihe. Ja, eines der wenigen Bäder in denen die Öffentlichkeit immer noch den Verantwortlichen wichtig ist.  Traumerlebnisse, swimmers high. Bis zum Ende. Des Bades.

Ausstattung

50 Meter Becken

Nichtschwimmerbecken

Sprunggrube mit 1 Meter und 3 Meter Brett

Sauna

Gastronomie

Aktuelles: Auf dem gut 40 Tausend Quadratmeter großen Gelände des Bades könnte auf 10 Tausend Quadratmeter eine Bebauung vorgenommen werden. Das zumindest ist eine der priorisierten Flächen des Bezirks für eine geplante Unterkunft. Laut Stadtrat des Bezirks steht das einem Neubau nicht im Weg. Hier mehr

Das Bad erreicht man mit dem Bus M 76, Haltestelle Ankogelweg. Der Ankogelweg geht vom Mariendorfer Damm ab. Das Bad ist recht ordentlich ausgeschildert.

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Kommentare: 5
  • #1

    Alex M (Samstag, 30 Dezember 2017 16:18)

    Hallo. Danke für Deine umfangreiche und aktuelle Beschreibung, auf die ich hier gestoßen bin. Auch ich bin gerne im Ankogelbad, habe das als Zugezogener vor einigen Jahren als abgelegener Geheimtipp entdeckt.

  • #2

    schwimm-blog-berlin (Montag, 01 Januar 2018 16:06)

    Ha, dann kennen wir uns bestimmt vom sehen.
    Aber, soooo abgelegen ist es ja nicht ;-)

  • #3

    Gerald (Dienstag, 16 Januar 2018 14:51)

    Sehr schade, dass es verschwindet. Ich finde das Bad mit den gefliesten Umkleiden und dem bunten Wandmosaik (an der Stirmseite nebem dem Sprungbecken) toll und erhaltenswert, ein Jammer, das so etwas abgerissen und nicht saniert wird. Stress mit Rempel-Rüpel-Mitschwimmern hatte ich hier gefühlt weniger als in anderen Bädern, aber das ist wahrscheinlich recht individuell.

  • #4

    schwimm-blog-berlin (Dienstag, 16 Januar 2018 19:44)

    Ich hoffe ja, dass Teile des heutigen Bades den Weg finden in den Neubau. Dazu gehört das Mosaik auf alle Fälle.

  • #5

    Isabella (Mittwoch, 16 Mai 2018 15:02)

    Toller Beitrag, sehr informativ und humorig geschrieben, hat sich toll gelesen und ich finde mich in Deinen Schilderungen selbst auch wieder.

    Meine Erfahrungen im Ankogelbad begannen bereits in der Schule beim Schulschwimmen. Als Anfang 20-jährige habe ich dort ab und zu vor oder nach dem Schwimmen das Solarium genutzt. Es befand sich gegenüber dem Sprungturm. Heute findet man mich am Tage unter der Woche dort regelmäßig. Ich bin dem Bad mit Unterbrechungen, aber über die Jahre stets treu geblieben, es hat mich also mein bisheriges Leben lang begleitet. Mein Spind ist die 365. Und die Dusche – naja die Nummer weiß ich gar nicht, aber die in der Ecke, eine der beiden mit Trennwänden, ich mag es etwas intimer. Nach der technischen Schließzeit sind die Brauseköpfe erneuert worden. Leider sprenkeln die jetzt eher kraft- und mutlos vor sich hin, so dass das Spülen langer Haare sich nun doch etwas hinzieht.

    Die Generation Rüpel, die ich allerdings in jedem Alter erlebe, stört mich ebenfalls. Ein älterer Herr schwamm unter mir hindurch, ich sah ihn nicht, er berührte mich aber an den Kniekehlen und ich habe vor Schreck einen lauten Quieker von mir gegeben. Eine ältere Dame paddelte mich auf dem Rücken schwimmend über den Haufen, ich hatte keine Chance, auszuweichen, das Bad war an diesem Tag rappevoll. Und dann gibt es da noch die stehschwimmenden Gruppenplauderer, die zumeist an der Absperrleine zum Nichtschwimmerbereich herumstehen. Oder aber dann mindestens zu zweit nebeneinander herschwimmen, kann auch mal eine Dreier- oder Viererreihe werden, da ist dann kein Durchkommen mehr, vorausgesetzt man möchte nicht getreten werden. Schade, dass die Bademeister*innen dazu nie etwas sagen, da würde ich mir deutlich mehr Engagement wünschen.

    Super ist, dass der geräumige Parkplatz noch immer kostenlos nutzbar ist. Zudem ist der Basistarif mit 3,50 Euronen sehr günstig, die Halle ist eben ein Schwimm- und kein Spaßbad. Dass man uns dies nun wegnimmt ist für mich nicht verständlich, denn in der Sommersaison hat man auf der großzügig angelegten Außenfläche den ganzen Tag Spaß für kleine und große Menschen. Übrigens sehr empfehlenswert, denn auch draußen befindet sich u.a. ein großes Becken, in dem man seine Bahnen ziehen kann. Ich verziehe mich anschließend noch zum Sonnenbaden auf die Wiese und genieße die Ruhe, bevor kichernde und kreischende Jugendliche das Bad bevölkern. ;-)