Stadtbad Märkisches Viertel

Knapp 50 Jahre nachdem in der Not vieler Berliner eine riesige Laubenkolonie entstanden war, schien  das Projekt Märkisches Viertel 1974 abgeschlossen. Wo vorher etwa 12 Tausend Menschen in bittersten Verhältnissen lebten, war eine Trabantenstadt für 50 Tausend Menschen entstanden. Die vorherigen Bewohner wehrten sich, hatten aber keine Chance. Der schlechte Ruf der Siedlung eilte ihr voraus quasi noch während der Entstehung. Die  Suizidrate soll hoch gewesen sein. Die neuen Bewohner die ihr altes Umfeld verlassen mussten in dem es soziale Bindungen gab, lebten anonym, vereinsamten. Die Infrastruktur, maßgebend für das Zusammenleben, wuchs nicht so schnell wie die Häuser.

Der Film "Urbs Nova"  von Herbert Ballmann und Wolfgang Patzschke, Erstausstrahlung am 10.Oktober 1973, soll wütende Protesttürme der Bewohner ausgelöst haben.

 Zuerst waren die Häuser, dann kam das Bad und so sieht es dort auch aus. Wie noch eben schnell dazwischen gepresst. Zwischen den vielstöckigen Wohnbauten das Flachdach, heute mit blauer Fassade.

 

Das Stadtbad wurde am 11.11.1974 um 11.11 Uhr eröffnet. Ein passendes Datum für ein Berliner Schwimmbad. Berlin ist nicht gerade die Hochburg für den Karneval, aber närrisch können wir auch ohne Ufftatatätärä, Stadtclowns gibt es zur Genüge.

Das Bad allerdings hat so gar nichts von Karneval. Weder ist es besonders bunt, noch gibt hier eine Anhäufung von Vergnügungseinheiten. Das hier ist ein funktionales Schwimmbad. Eines wie sie in den Jahren, in der die Stadt durch die Mauer geteilt war, auf beiden Seiten entstanden. Man schien sich einen Wettbewerb zu liefern, was dem Schwimmsport zugute kam. Die deutschen Schwimmer wurden in der Nachfolgezeit ein Garant für Medaillien. Lang ist es her.

Passender als das allseits als Beginn des Karnevals bekannten Datums finde ich die Vorstellung des Heiligen Martins zu diesem Bad. War er Bindeglied zwischen Rom und Franken, so kann ein Schwimmbad Bindeglied sein zwischen all den unterschiedlichen Nutzern.

Auf das Stadtbad zugehend wirkt die Fassade wie Spiegel. Eigentlich eine nette Idee. Und dennoch.

Mir hat sich der Sinn der Fassadengestaltung nicht erschlossen. Hübsche Verkleidung vorn und zu Teilen seitlich in blau, an der anderen Seite  die profane gelb verputzte Wand und umrundet man das Gebäude, ist tatsächlich ein riesiger Spiegel (von vorn an der linken Seite) zu finden. Wirkt für den Laien nicht durchdacht. Wer weiß, auch die Wohnbauten wurden von verschiedenen Architekten entworfen und so sieht es dann im Ergebnis auch aus. Zusammengewürfelt. Vielleicht gab es unterschiedliche Vorstellungen bei der Fassaden Sanierung und die flossen alle ein?

Hat jedenfalls vor gut 10 Jahren 2,6 Millionen Euro gekostet, zum größten Teil aus EU Geldern finanziert. 2010 wurde erneut saniert. Und, so meine Einschätzung, das ist noch lange, sehr lange, nicht am Ende bei einem 43 Jahre alten Bad.

 

Betritt man das Bad, steht man in einem überraschend kleinen Foyer.

Links, also was andere rechts nennen, die Gastronomie, daneben ein Blick durch das Fenster in die Halle, rechts die Treppe runter geht es zu den Herren- und Famlilienumkleiden, gradeaus zu den Damen. Energieinformation in riesigen, roten Leuchtzahlen. Ein altes Schild auf dem mal Öffnungszeiten waren und Zettel findet man an der Wand. Berliner Bäder und ihre Zettelsammlungen. Ist das ein Fetisch? Nimmt  der "Größte Bäder Betrieb Europas" in Wahrheit zugleich an einem geheimen Wettbewerb teil "wie viele Zettel kann man in Bädern aufhängen"?

Während ich da so stand und mich umsah, kam eine Mitarbeiterin aus der Halle. Sie fragte ob ich von der Presse sei. "Das ist ein öffentliches Gebäude". Ähm, ja. Sie meinte, es sei Presseangehörigen nicht erlaubt ohne Genehmigung zu fotografieren. Ich konnte sie beruhigen. Ich blogge und bin keine Journalistin. Ich habe ihr nicht gesagt, dass für die Berliner Bäder Betriebe ein Blog auch nicht zu den Medien gehört (das jedenfalls wurde mir mitgeteilt auf Anfrage als ich an einem Pressetermin teilnehmen wollte).

Die Mitarbeiterin jedenfalls war sehr freundlich und mal abgesehen davon, dass es kein Fotoverbot gibt (solange Persönlichkeitsrechte nicht berührt sind, aber das versteht sich für mich von selbst),  konnte sie mir einiges über das Bad sagen. Hach, noch warm eingepackt und schon alle Fragen beantwortet. Dafür danke.

Durch das Drehkreuz geht es nach links zu einem Wickeltisch, rechts kommt man direkt auf das alte Badewärterhäuschen zu. Ob wohl das die Farben sind, in denen die Fassade gestaltet war vor deren Sanierung? Auf alle Fälle ein hübsches Kleinod.

Es geht in gefühlt 300 Gänge mit Spinden und Einzelkabinen. Senfgelb. Grässliche Farbe, aber es wirkt sehr hell in dem Umkleidetrakt. Roter Steinboden und, was mir sofort ins Auge fiel, alle Bändchen für die Spindschlüssel neu. Die kleinen Freuden in einem Berliner Bad in denen es oft zum Kampf mit aufgeribbelten Bändchen kommt. Ich frag mich da immer, ob es so schwer ist, einfach mal alle Wochen die Dinger zu kontrollieren und gegebenenfalls auszutauschen.

Supersauber überall. Besonders nett sind die Bänke in den Kabinen. Breit. Kann man drauf wohnen, jedenfalls fällt da nicht alles runter. Blitzblanke Spiegel, auch nicht überall zu finden.

Von den Umkleidegängen geht es geradeaus in die Dusche. Rechts sind die Toiletten. Beides richtig sauber und nirgends zog es. Äußerst angenehm.

In den Duschen 3454 Haken, Ablagen, sinnvoll verteilt, man erreicht quasi von jeder Dusche einen Haken, weiße Plastikablagen an der Wand (ich schiele nach Tiergarten) die weiß waren. Die Wassertemperatur kann man nicht regeln, aber alle von mir getesteten Duschen waren ausreichend warm und liefen auch ordentlich lange. Durch die Tür geht es zum Schwimmbecken.

50 Meter Meergrünes Wasser

Ja, grün. Aber dazu später mehr.

Helles Licht trotz trüben Wetters durch die große Fensterfront.

Abgesperrte Sprunggrube.

Das 50 Meter Becken aufgeteilt in 25 Meter Areale durch die neue Trennwand.

Ja, neu ist sie, funktioniert aber noch nicht. Tja. Ich habe nur schwammige Erinnerungen hier mal 50 Meter geschwommen zu sein...

Auf jeder Seite waren Bahnen abgeleint, aber in keiner befand sich ein Sportschwimmer. Kinder, Bahnenbesetzer, Plaudergäste. Vormittags ein gut besuchtes Bad.

Das Bad ist bekannt dafür, dass es von vielen Schulen genutzt wird, auch  in den Ferien waren hauptsächlich Kinder im Bad.

 

Durch die abgeleinten Bahnen verteilten sich die Besucher recht gut. Es war problemlos möglich Bahnen zu ziehen. 28 Grad Wasser schätze ich. Wenn man nicht grade Besucher zählt, die Szenerie beobachtet und die neue Trennwand bekuschelt bei der Rollwende...

 

Was mir auffiel war der sehr liebevolle Umgang der Mitarbeiterin mit Kindern. Der Mitarbeiter 'warnte' einen sehr betagten Gast beim Rückenschwimmen, damit er nicht an die Wand stößt. Dieser umsichtige und freundliche Umgang zeigt offensichtlich Wirkung. Trotz der vielen, natürlich auch übermütigen kleinen Gäste, schien es ruhiger als in anderen Bädern. Das war auch bei meinem letzten Besuch so.

Ich habe dann noch den Mitarbeiter angesprochen, ob es mir nur so vorkommt, oder ob das Wasser wirklich grün wirkt. Ich konnte mir nicht alles merken, aber ich war beeindruckt von der Erklärung und dass in kürzester Zeit auch das Wasser himmelblau aussehen wird. Aber es stimmt, kurz nach der Befüllung sieht das Wasser so aus als wäre es grün. Diese Wirkung kenne ich nur aus der Finckensteinallee. Dort liegt es an den grünen Bodenmarkierungen, dass der Eindruck entsteht. Hier, im Stadtbad in Reinickendorf ist die Bodenmarkierung schwarz.

So viele Duschen, so viele Föhne. Wandföhne, wahlweise Handföhne. Nur zwei Mal 5 Cent und die Haare waren trocken.

 

Fazit: Ein Schwimmbad ohne schnickschnack. Wenn man Glück hat, ist in der nächsten Woche die 50 Meter Länge nutzbar. Wenn man die Zeiten kennt in denen es nicht zu voll ist, ein Hallenbad für Schwimmer. Und Kinder sind hier willkommen.

Ausstattung: 50 Meter Becken, Nichtschwimmerbecken, Hublift für Behinderte, Sprunggrube mit 1 Meter und 3 Meter Brett.

Neue Gastronomie die sehr einladend wirkt.Döner, Orient, Obst. Moderate Preise.

Das Bad ist leicht zu finden, wenn man nicht auf die Schilder achtet. Von denen zeigen viele in die falsche Richtung. Ich bin von Mariendorf mit der U Bahn bis Kurt Schuhmacher Platz gefahren. Dort in den X 21 Bus (der M 21 braucht nur unwesentlich länger) und ausgestiegen direkt am Märkischen Viertel. Man kann durch die Einkaufsmeile gehen oder, was ich netter finde, seitlich vorbei. Das Bad sieht man schon vom Bus aus.

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