Schwimmen im See-Sechs Monate geschwommen um zu bleiben

50 Schwimms in unterschiedlichen Gewässern, Fluss, Ostsee, See.

Seit genau 6 Monaten bin ich im Freiwasser zurück.

Und jeder Schwimm ist anders.

Weil Gewässer nie gleich ist an zwei Tagen, weil das Wetter unterschiedlich ist, das Licht anders und ich selbst nicht immer gleich in Form.

Alle Sinne beisammen

"Willst du dich am Ganzen erquicken, so musst du das Ganze im Kleinsten erblicken" Johann Wolfgang v. Goethe

Es ist nicht wie in Kachelbecken- oder den Edelstahlwannen, die immer mehr werden.

Dort ist der Vorteil des immer Gleichen, wie Meditation, nur schöner. Wenn ich (fast) ohne Unterbrechung Strecke mache im Kachelbecken, vergess ich alles, was sonst so ist. Fliegen im Wasser. Das Draußen existiert nicht mehr.

Im Freiwasser braucht man, also ich jedenfalls, Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit für die Umgebung und auch für mich selbst. Die Weite des Wassers, auch wenn viele Menschen dort sind im Sommer, ist mit nichts zu vergleichen.

Der gleiche See sieht nicht nur jedes Mal anders aus, er ist auch anders.

Augen auf

Manchmal sehe ich weniger als sonst, trotz gleicher Brille und Kondition, aber die Sonne blendet so, dass ich im Schlingerkurs mitten auf den See gerate und als noch immer Ungeübte ist das, zumindest wenn ich allein bin, auch unheimlich.

Ist der Wels noch da? Oder kommen womöglich gleich die Wildschweine angeschwommen, die,  nur wenige Meter entfernt von meinem Lieblingssee, gerade erst einen sehr belebten Platz umgegraben haben?

Zerwühlte Wiese am Mexikoplatz. Im Hintergrund weißes Haus
Zerwühlte Wiese am Mexikoplatz. Im Hintergrund weißes Haus

Ängste sind ja nicht irreal, sie sind da, auch wenn sie mich nicht beherrschen. Manchmal denk ich hinterher, ich könnte mutiger sein. Wenn ich mutiger war denk ich, öh, das war jetz aber schon sehr gewagt. In der Situation denk ich wenig, ich reagiere und agiere je nach Umgebung und eigener Verfassung in dem jeweiligen Moment.

Zuhören

Ich versuche auch zu hören, was um mich herum passiert. SUP oder auch Ruderboote kann man hören, leider  bin ich noch nicht wirklich geübt darin und meist sind es die Menschen, die ich dann wahrnehme.

Das Wasser macht ganz andere Geräusche als das im Kachelbecken. Und nein, ich höre nicht die Fische schwatzen. Ich mein das ernst. Wenn mehr Wind ist, ist das Wasser, für meine Ohren, sehr laut. Obwohl, vielleicht ist es das Echo der Gespräche der Fische...😳...

Riechen und schmecken

Und ob man es glaubt oder nicht, das Wasser riecht und schmeckt auch anders jedes Mal. Ok, ich trinke nicht literweise aus dem See, aber es passiert, dass ich  etwas Wasser schlucke und das war jedes Mal anders.

Einmal ist mir deutlich aufgefallen, dass der See, an exakt der gleichen Stelle, stark sandig, erdig roch. Es war  im September, als es noch einmal sehr warm wurde. Ich hatte den Gedanken, dass zu viele Leute zu viel Boden aufgewühlt haben und man das jetzt 'schmeckt' und riecht beim schwimmen. Kennt ihr das, der erste Eindruck, wenn ihr ins Freiwasser geht, hält sich den ganzen Schwimm lang. Auch als ich weit weg von der Stelle war, hatte ich noch den Geruch von Erde in der Nase.

Fühlen

Für mich das Wichtigste, sogar im Neoprenanzug.

Fühlen- das klingt erst mal recht pathetisch, ist es wahrscheinlich sogar.

Es ist nicht nur die Temperatur, die ich ganz unterschiedlich empfinde.

Die 15 Grad im Frühjahr im Wasser waren toll. Angefangen habe ich bei 10 Grad Wassertemperatur, also empfand ich 15 Grad als warm. Das kehrt sich jetzt um. Ich weiß jetzt genau,  wie kalt es sein kann. Ich frag mich dann auch, warum ich das mache.

Mich packt, immer noch und nicht wirklich nach Regeln,  der Gedanke" ich muss auch noch zurück". Das lässt mich nicht los und ich hatte mir schon Tipps geholt bei erfahreneren Freiwasserschwimmer*innen. Es dauert von diesem Gedanken, der scheinbar willkürlich, nach ganz unterschiedlichen Strecken, auftaucht, bis zur Umkehr dann auch nie lange.

Ich bin gespannt, ob sich die Tipps umsetzen lassen.

Für mich das, was mich am meisten beeinflusst, ist der Wind. Er ist mein 'Feind' an Land, nach dem Schwimmen. Für mich ist nichts so ätzend, wie kalter Wind. Regen, kältere Außentemperaturen, für mich handhabbar. Wind nicht. Der lässt mich mehr frieren als alles andere.

Im Wasser ist der Wind anstrengend, wenn ich gegen ihn anschwimme. Kennt ihr das Gefühl, auf der Stelle zu strampeln? Ich bin dann froh, wenn ich in Begleitung bin und ich nicht allein mit dem Gefühl.

Der Wind hat  natürlich auch etwas sehr Schönes. Die leichten oder auch mal stärkeren Bewegungen des Wassers sind einfach wunderschön anzusehen. Und nachdem ich gegen  den Wind geschwommen bin, hab ich auch noch mehr das Gefühl, 'es' geschafft zu haben.


Es ist toll, wenn in der Sonne das Wasser so ganz anders schimmert als es im Freibad glänzt. Die Spiegelung der Bäume, manchmal Häuser. Und, ja, auch die Tatsache,  dass  Freiwasser auch Heimat der Fische ist, vor denen ich immer noch Respekt habe. Es ist schon auch beeindruckend, so einen Hecht zu sehen.

Es ist unfassbar schön, im Wasser zu sein und plötzlich steht im Schilf auf einem abgeknickten Baum eine Familie Reiher. Sie stehen einfach da und scheinen uns Schwimmerinnen und Schwimmer zu beobachten. Sie warten, dass wir gehen und sie ihren See  wieder für sich haben.

Ich bin gespannt, wie lange ich im Herbst im Freiwasser schwimme. Vorgenommen hab ich mir bis 10 Grad.

 Auch wenn ich früher aus dem Wasser bleiben sollte, sicher ist, ich bin ins Freiwasser gegangen um zu bleiben und ich komme dann im nächsten Jahr wieder. Aber noch  ist es nicht so weit. Es stehen noch einige Schwimms bevor in diesem Jahr.