Sie sind weg- und kein Thema

Berliner Sommerbäder als Ort für alle existierten diesen Sommer nicht mehr.

Problemloses Schwimmen in Freibädern im Sommer für einige Hundert, möglich durch den Ausschluss vieler Tausender

Der Aufsichtsrat des größten Bäderbetrieb Europas und das Parlament hatten für die Sommersaison in Berliner Sommerbädern im kommunalen Betrieb gestattet, dass die Tarifstruktur ausgehebelt werden konnte und ein Einheitspreis in der Daseinsvorsorge galt. Sämtliche Möglichkeiten der Vergünstigungen wurden ausgeschlossen.

Der Preis  war  hoch, zunächst 3,80 Euro (dann 3,73 Euro). Höher als der Durchschnittspreis, den Stammbesucher*innen sonst zahlen. Begünstigt wurden die, die nur ein, zwei Mal im Jahr schwimmen und sonst 5,50 Euro gezahlt hätten.


Mit der Tabelle kann man selbst ausrechnen, was ein Durchschnittspreis wäre und wie teuer es wurde für die meisten

Ich hab hier aufgeschrieben, warum ich es mir nicht leisten konnte



Zusätzlich gab es Wochen lang nur die Option mit Kreditkarte oder  einem irischen Zahlsystem zu zahlen. Der Ticketverkaufsanbieter ist ebenfalls eine LTd, eine Ausschreibung oder zumindest ein Dokument, in dem ersichtlich ist, warum sich für diesen Anbieter entschieden wurde,  existiert nicht. Bis kurz vor Ende der Sommersaison wurde kein Kassenverkauf möglich gemacht und auch dann nur in 5 Sommerbädern.

Schwimm Glück, das man kaufen kann

In vielen schönen Artikeln, Social Media Kommentaren feierten diejenigen, die das Schwimmen bei 30 Grad in Berliner Sommerbädern geniessen konnten.

Kritische Anmerkungen zum Verkaufssystem wurden mit Totschlag Argumenten belegt "Sollte man Schlangen zulassen und so alles riskieren"- Blödsinn, Schlangen gab es zu  Hauf und ein verkompliziertes System, in dem alle in der Schlange stehen, statt mit Sammel, Mehrfach- oder Jahreskarte durch zu gehen, ist keine Lösung, sondern gezielter Ausschluss vieler.

Richtig eklig waren die, die ständig auf ihre persönlichen Erlebnisse verwiesen, wenn jemand traurig oder auch wütend war über den Ausschluss. Hey, nur weil man selbst es besser hat, IST es NICHT gut.

Ich habe keine Lust mehr, die Lösungen, die anderswo gefunden wurden, aufzuzählen. Ich  weiss, in Berlin gibt es Gründe, warum was nicht geht und keine Lösungen, wie man es besser machen kann.


Es ist wunderbar, wenn man endlich in Berliner Sommerbädern schwimmen konnte, auch bei 30 Grad.

Das wäre unproblematisch möglich auch ohne den Ausschluss vieler, man müsste das Ganze nur besser regeln. Vorschläge gibt es viele, Beispiele in anderen Ländern und Kommunen auch. Die Diskussion darüber, dass nun mal alle im Hochsommer in Bäder wollen, ist müßig.  Und die Aussagen aus dem letzten Jahr- die mit Sicherheit schon seit Ewigkeiten genau  so die Meinung einiger ist- man solle doch die paar Monate auf Schwimmen verzichten,  sind nur dreist.


Verschwunden und vergessen?

Ich bin seit wenigen Wochen wieder in Berliner Bädern. Um genau zu sein, in den Berliner Schwimmhallen, die ich in den letzten Jahren am häufigsten besucht habe.

Die Tarifstruktur gilt wieder. Das heißt, es gibt ermäßigte Tickets, wenn auch wenige Zeitfenster. In einigen Bädern gar keine, in anderen wird die  Ermäßigung, die zum Beispiel für Sozialtickets gilt- Montag bis Freitag, 10 bis 15 Uhr, großzügig gehandhabt. Die Information, wo man vor Ort welche bekommt oder ob man zum Schwimmbad fährt und dann abgewiesen wird, fehlt noch. ****

Und mir fällt auf, wie viele Menschen fehlen. Das wird nirgends richtig thematisiert. Weder im Parlament noch in Medien. Es geht überall um den organisierten Sport, Vereine, Profisport.

Es ist gar keine Frage, Vereine sind wichtige Organisationen, um dort  in der Gemeinschaft Sport zu betreiben und das Schwimmen zu fördern.

Fakt ist, mehr als 80 % der Berlinerinnen und Berliner organisieren ihren Sport, auch das Schwimmen, individuell. Und Fakt ist, ohne Breitensport kein Vereinssport, keine Profisportlerinnen und Profisportler.

Wer  sucht und fragt die Menschen, die nun in ihren Häusern, ihren Wohnungen, oft ihren Senioren und Pflegeheimen*, Studierenden Wohnungen etc. verschwunden sind und scheinbar unsichtbar geworden?

Menschen, für die das Schwimmbad** der Treffpunkt war, oft der einzige soziale Kontakt.

Es sind nicht nur ältere, auch zum Beispiel Berufstätige mit wenig Einkommen, die sich die 3,80 Euro einfach nicht leisten konnten. Eltern, die mit Kindern eine Zeit lang auch für die kleinen Kinder zahlen mussten. Student*innen, die  ohnehin wenig haben und durch Jobverlust natürlich noch schlechter da stehen usw.

Und die Politiker*innen?

Natürlich habe ich Anfangs noch versucht, Kontakt aufzunehmen. Es kam einfach keine Antwort.

Doch, eine, von einer BVV Politikerin, die mein persönliches Schicksal kennt und mir helfen wollte. Mir wollten auch viele Schwimmerinnen und Schwimmer helfen und dafür bin ich dankbar.

Es geht doch aber nicht um mich allein.  Es gab einfach keine Antworten. Bis heute nicht. Eine Reaktion auf Social Media gab es, die ich erinnere.

Im Tenor: es sei schwierig, den Bürger*innen klar zu machen, dass die Pandemie Kosten verursacht.  Darauf zu antworten, warum nun gerade unter einem Rot Rot Grünen Senat diejenigen 'zahlen' sollen, die am wenigsten haben, war mir echt  zu doof. Auf dieser Grundlage ein Gespräch zu führen, ist sinnlos. Zumal mit einer Person der Partei Die Linken.

Fremd im Stammbad

Einige Hallenbäder Tickets sind ausverkauft im  Moment des Verkaufsstarts***. Das führt dazu, dass diejenigen, die Zeit haben, sich in andere Schwimmhallen einkaufen. Das Nachsehen haben dann diejenigen, die keine Wege schaffen, ob zeitlich oder aus gesundheitlichen Gründen.

Für mich ganz persönlich ist es kein Problem in fremder Umgebung zu schwimmen und ohne vertraute Menschen um mich.

Mir fällt es auf, dass ganz viele nicht mehr da sind.

Einige habe ich draußen getroffen, mit manchen stand ich in losem Kontakt auch vor der Pandemie.

So viel Traurigkeit, nach 30,40 und mehr Jahren  im  Sommer keinen Zutritt gehabt zu haben, haben viele mittlerweile einfach aufgegeben.

Andere, die seit Jahren oder Jahrzehnten die Sommer im Freibad verbrachten, weil sie zum Beispiel kein Geld mehr haben, um in den Urlaub zu fahren oder aus gesundheitlichen Gründen sich nicht mehr zutrauen und im Freibad unter Gleichgesinnten dafür eine schöne Zeit hatten.

Die Wut der Verzweiflung hat bei so manchen dazu geführt, jetzt auch nicht mehr zurück zu wollen. Wer sich unwillkommen fühlt, es sich nicht leisten kann, über Monate, mag vielleicht einfach auch nicht mehr.

Oder, und das ist das Schlimmste, schafft es einfach nicht mehr, nach  Monaten des Rückzugs wieder raus zu gehen.

Können wir bitte mal darüber reden?


*Ja, auch in Pflegeheimen wohnen Menschen, die schwimmen gehen, gegangen sind.

**Das gibt es natürlich auch in anderen Sportarten

*** Der Verband der Berliner Bäderbesucher e.V. hat bereits einen Trick aufgedeckt und die Berliner Bäder haben umgehend reagiert. Weitere Tricks sind gerade in der Testphase und es ist sicher, dass die BBB das abstellen werden.

**** Die Auslastungsanzeige ist prima, sagt aber nichts konkretes.