Rad fahren in Berlin- Egal wohin ich fahre, ich lande an Kleingartenanlagen

Seit nun einem Monat fahre ich wieder mit dem Fahrrad.

Ein gemietetes, ein eigenes ist finanziell leider (noch) nicht leistbar. Naja, und das Mieten ist auch ein guter Test, ob ich nach gut 20 Jahren überhaupt wieder in dieser Stadt fahren will.

Spoiler: Nö, von wollen unter diesen Umständen kann gar keine Rede sein.

Aber ich will Rad fahren, weil es mir Spass macht, etwas unabhängiger von Bussen und Bahnen mit Menschen ohne Abstand, ohne Anstand und ohne Maske zu sein. Und weil Rad fahren an sich mich in Berliner Ecken führt, die ich sonst- also mit der Orientierung der Busfahrer*innen- eher nicht sehen würde.

Und was hat das mit schwimmen zu tun?

Nichts oder nur insofern, dass ich im Anschluss das Schwimmbad aufsuche, das am nächsten dran ist oder wie Anfangs, andere Wege zum Sommerbad zu nehmen als die mir bekannten. Immer mit einem Ausflugsziel vor dem Schwimmen. Erst nur auf dem Weg zum Schwimmbad, mittlerweile auch weiter abseits.

Und ja, oft sind es Parks mit Teichen, Flüssen, Pfuhlen darin. Ohne Wasser kann ich eben auch nicht Rad fahren.

Also Rad fahren, um den Teich, die Mühle, Bunker etc. walken, Rad fahren, schwimmen. Mit dem älter werden werde ich wohl immer bewegungssüchtiger.

In loser Abfolge werde ich über meine Erfahrungen und Erlebnisse beim Rad fahren erzählen. Erstes Thema sind also die Kleingärten.


Keine Wohnungen? Kein Geld für Straßen?

Stadtentwicklung= Fehlanzeige!

Was zum Henker soll das?

 

Rant

Anachronismus Kleingartenanlagen

Durchfahrverbot

Ich versuche durch kleinere Straßen an mein Ziel zu kommen. In der Hoffnung, nicht übergemangelt, bedrängt und beleidigt zu werden und heile anzukommen. Spoiler: funktioniert nicht. Und egal, wo ich hin wollte in Mariendorf, Tempelhof, Britz, Buckow, Rudow, Steglitz und Lankwitz, ich lande immer an Kleingartenanlagen.

Und immer an Kleingartenanlagen, die mit Schildern an ihren Zufahrten (!) versehen sind.

Verbot für Radfahrende, Motorroller, E Roller, aber natürlich nicht für Autos.

Man will unter sich sein? Wie auf Straßen


Die Schilder "Nur zum be- und entladen" sind Alibi. In jeder Kleingartenanlage stehen Autos und parken dort. Auf super gepflasterten Wegen und ich soll mit dem Rad auf den Buckelpisten drum rum fahren.

Ich habe in drei Anlagen echt kleinere Holzstöcke genommen und vor Reifen gelegt, weil ich dachte, die können da ja nicht Tage lang stehen. Doch, einige ja, andere  fahren offensichtlich teilweise täglich mit dem Auto in den Kleingarten. Da hebt sich jedes grüne Argument für diese Kleingärten auf.

Also für mich heißt es trotzdem: absteigen. Und die Kleingartenanlage zu Fuß durchlaufen. In den meisten mit Rad, in zweien habe ich das Rad vorn stehen lassen.

Ich wurde beäugt wie eine potentielle Diebin. Mir wurde echt hinterher geschlichen.

Auf meine Frage in vier Anlagen, ob ich im Vereinsheim was zu trinken bekomme: "Fremde haben keinen Zutritt". In einer wurde ich eingeladen, doch gern zum Vereinsheim zu kommen. War aber geschlossen. Da waren auch die freundlichsten Menschen unterwegs. In keiner anderen Anlage wurde mein "Guten Morgen" oder "Hallo" auch nur beantwortet. (Und ich habe jede Person gegrüßt, die mir entgegen kam oder die ich im Garten sah...)


In jeder Straße um Kleingärten herum war wirklich, besonders Freitag bis Sonntag, alles zugeparkt, was ging. Bis hin auf Friedhofszufahrten (kein Scherz, Rollstuhlfahrende und zwei Frauen mit Kinderwagen kamen nicht ans Friedhofstor ran).

In anderen Anlagen gab es mitten drin riesige Parkplätze.

Das waren auch die Anlagen mit wunderschönen Alleen, umrahmt von hohen, schattigen Bäumen. Inklusive hübsche, regelrecht Wald artige Umgebung für PARKPLÄTZE. Versiegelt. Wie die Wege, Straßen.


Suche nach dem Sinn der Kleingärten

In sämtlichen Anlagen habe ich versucht, ins Gespräch zu kommen.

Meine Verwunderung offen gezeigt über Kleingärten in der Stadt und immer kam "Kleingärten sind wichtig". Und dann natürlich meine Frage: "Für was?"

Die absolute Mehrheit antwortete:"Für die Insekten" und auf mein Argument "Was ist mit schönen, großen Gemeinschaftsgärten, Urban Gardening, einem moderneren Umgang mit Straßengrün und vor allem der vernünftigen und Personell gut ausgestatteten Bewirtschaftung von Parks und Gärten" 

wurde geblockt. Immer, bis auf einmal. Ein Hoch auf den absolut ehrlichen Mann um die 50!

Er sagte:"Ich hab ne Wohnung in Mitte, mit allem Zipp und Zapp, aber meine Datsche geb ich nicht her.  Krieg ich Miete für"

Ich war irritiert. Der Mann "vermietet" seinen Garten an Familien, die mal raus wollen. Wie kann das sein?

Dazu schaut man sich einfach mal die 'Lauben' an.

Ein Mann meinte:"Sie haben keine Ahnung von Stadtentwicklung" Mein:"Dann erklären sie mir doch ihre Argumentation. Ich suche Argumente für Kleingärten" wurde mit "Du (!) dumme...sexistische Beleidigung" belegt.

( Es waren nicht viele, vielleicht 10, 12 Personen gesamt. Reden wollen wohl die meisten einfach nicht mit interessierten Fremden)

Einfamilienhäuser oder Laube?

Auffallend in einigen Kleingärten ist die Tatsache der riesig wirkenden Gebäude. Was genau ist "klein"? Die Anlagen ansich sind teilweise mit so vielen Gärten, dass ich zwei Stunden drin rum gelatscht bin. Gebäude, teilweise größer als Wohnungen von Menschen, für die solche "Kleingärten" mal als Idee entstanden sind.

Gemauerte Häuser, mit vielen Fenstern, riesigen, Terrassen artigen Gebilden, Pool und Co. Was zum Henker geht in dieser Stadt eigentlich vor?

Es herrscht Wohnungsnot. Man diskutiert über "Enteignung" von Wohnungskonzernen und klagt über Mangel an Fläche.

HIER!

Schaut mal hin.

Idee der Kleingartenanlagen

Solidarität mit Armen, Benachteiligten.

Die Anlagen sind mal entstanden, weil man Menschen, die auf engem Raum zusammenlebten, unter oft unhygienischen Bedingungen, einen Ort schaffen wollte, an dem sie Luft und Erholung, Gelegenheit zum Anbau von Gemüse bekommen. Menschen, für die ein Urlaub nicht drin ist, eine Oase anbieten neben dem harten Alltag.

Der Anbau von Gemüse, Regeln bei der Bepflanzung, Größe der Bäume und Hecken, sollten auch die Lebensmittelproduktion und (neu)Begrünung  vom Krieg zerstörter Städte verbessern.

Vorbei.

Das alles wird seit Jahrzehnten ad absurdum geführt.

Es ist kein Scherz und völlig ohne jedes Unrechtbewußtsein, wenn Kleingärten von der Großmutter 'geerbt' an Eltern und dann Enkel weitergegeben werden. Es gibt keine Hemmungen, genau das auch so als Argument (in Sozialen Netzwerken) zu nehmen, warum man auf Kleingärten beharrt. "Hat meine Omma schon drin gepflanzt"

Geht es noch irrwitziger?

Kleingärten werden also vererbt oder gegen 2000- 10.000 Euro 'Abstand' vermietet.

Unfreundliche Ansage, dass man keine Bereitschaft hat, auch nur eine vorformulierte Absage zu schreiben auf den Webseiten der 'Vereine'- Kleingärten sind als Vereine organisiert.  Berliner  Stil?  Das Hofieren von Vereinen?


Wann genau ist dieser Irrsinn entstanden?

Gärten 'vererben' oder an Menschen geben, die sich den 'Abstand' leisten können.

Und nein, "wir haben Jahre drin gearbeitet" ist kein Argument.

Wer Jahre lang Nutznießer der Solidarität der Gesellschaft ist, zu einem hahnebüchen niedrigen Pachtbetrag eine Stadtfläche nutzen durfte, muss diese Solidarität jetzt denen zurück geben, die sie brauchen.

"Insekten" und sonstwas an 'grünen'  Behauptungen sind absurd. Versiegelte Fläche konterkariert das in Form von Wegen, völlig zugeparkten Straßen rundrum,  Bäume in Gärten, die den Spazierenden keinen Schatten spenden können (Ausnahme, die Anlagen mit regelrecht Allee artigen, gepflasterten Wegen, die, wie oben beschrieben, dann zum befahren und parken genutzt werden).

Und in jeder Anlage, vor allem aber außerhalb, Tonnen von Müll. Vom Sofa, zum Poolgebilde, hin zu Haushaltsabfällen, die Ratten freut es.

Kleingärten zu Wohnungen,  Gemeinschaftsgärten, Sport- und Spielplätzen, Planschwiesen

50% der heutigen Kleingartenflächen müssen bebaut werden mit Wohnungen. Dachbegrünung, Parkplätze für Fahrzeuge unter die Erde.

Der Rest aufgeteilt in Gemeinschaftsgärten, Sport und Spielplätzen, Planschgelegenheiten für alle.

Zusammen mit der Verkehrswende, einem besseren Umgang mit Straßenrandbegrünung (das Zuparken verhindern mit Abschleppen, blockieren mit Findlingen etc.) und Parks und Gärten, werden vermutlich weniger versiegelte Flächen entstehen als derzeit durch Parkplätze in diesen Anlagen, zugeparkte Straßen im Umfeld (in denen man dadurch übrigens nur beschwerlich Rad fahren kann) und die Gebäude, die sich zu viele da rein gebaut haben.

Nur dort, wo  noch die alte Dame, der alte Herr wirklich den Garten nutzt in erster Generation, die Nutzung bis zum Lebensende garantieren.

In einem festgelegten Regelverfahren sollten einige Kleingärten, die mit dem größten gemauerten Gebäuden vielleicht,  erhalten bleiben, bis Wohnungen vorhanden sind. Ausschließlich an Menschen verpachtet werden, die wirklich beengt leben, zum Beispiel an Menschen in Gemeinschaftsunterkünften, Geflüchtete, die keine Wohnung finden, Obdachlose. Die Gebäude auf vielen Gärten eignen sich zum  (zumindest temporären) wohnen!

BTW, warum gibt es an so vielen Kleingartenparzellen Briefkästen?

Wer ein Sachargument hat,  mit dem die Existenz von Kleingärten in der jetzigen Form begründet werden kann, gern. Also das, was nur Kleingärten können. Ansonsten ist das Thema so emotional,weil es den Verzicht eigener Bequemlichkeiten bedeutet, wenn man Solidarität zurückgeben soll, dass ich bei Beleidigungen und Co einfach mal blocke.

Ich kann gut verstehen, dass die eigene Bequemlichkeit, der Luxus, ungern aufgegeben wird. Mir gefällt es auch nicht, dass mir die Sonne genommen wurde durch Dachaufstockungen gegenüber und seitlich meiner Wohnung. So ist es aber nun mal nötig.

Was wären wir für eine arme Gesellschaft, in der nur der Luxus und die Bequemlichkeit für  Einzelne  gilt.